Wenn ich bedenke, dass ich vor vier Tagen noch meine Diss. verteidigt habe, vor zwei Tagen hier das Haus voll mit lieben Leuten hatte und heute praktisch all mein Hab und Gut bereits in Kisten verpackt ist, dass ich in drei Tagen zum ersten Mal in Berlin übernachten werde und in einer Woche wiederum aber schon auf dem Rückweg von Chicaco via New York nach Berlin sein werde, um dann zwei Tage darauf postwendend nach München zurückzufahren und mein Zeugnis zu holen, bevor ich noch drei Tage bei meiner Mutter in Passau verbringe inklusive Abstecher nach Linz, bevor ich schließlich wieder zurück nach Berlin fahren kann, um endlich die Kisten auszupacken, dann wird mir ganz schwindelig.

Ich kann das nur empfehlen, sich am Abend vor wichtigen Prüfungen mit einem alten John-Sturges-Western in die richtige Stimmungslage zu bringen.

Wenn sie einem das Hormonzeug schmackhaft machen, die Frauenärzte, dann tun sie ja immer so, als ob es die reinsten Bonbons wären, und wehe man würde nach Nebenwirkungen oder Unverträglichkeiten fragen. Alles nur Hysterie, Einbildung und Fehlinformation.
Aber wehe, man hält nicht über-pünktlich sämtliche Vorsorgeuntersuchungen ein, wenn man einmal angefangen hat, das Zeug zu schlucken. Was, um Gottes Willen, letztes Jahr am 10. März waren Sie da, da kann ich Ihnen jetzt aber kein neues Rezept ausstellen ohne Untersuchung, Hände über dem Kopf zusammenschlag.
Ich ziehe aber in zwei Wochen um, und genau dann brauche ich die neue Packung; und Eure Terminvorlaufzeiten liegen mittlerweile bei acht Wochen, und Euer Weihnachtsurlaub war lang, und ein Jahr ist keineswegs schon rum, liebes Praxisteam.
Da müssen dann mit viel Bohei im Vorzimmer fünf Augen zugedrückt werden, und die Auflage gemacht, dass man in der neuen Stadt gleichgleich sofort einen Kollegen aufzusuchen hat – und auch, wenn all das recht freundlich und auch ein wenig ironisch vor sich ging, macht es mir die Gynäkologie und ihre Kontrollraster nicht soviel sympathischer.

Mittelfristiger Plan: Rückkehr zum fruchtbaren Naturzustand.
Vereinbarkeit mit Beruf und Leben: fraglich.

Heute spontan bei E., die ich seit fünf Jahren kenne, aber es fühlt sich länger an.
Zusammengewürfelt hat uns damals der Zufall: Als die Schwestern-WG sich aus administrativen Gründen auflöste, da suchte ich zum ersten Mal für mich allein ein Zimmer, und weil ich wenig Geld hatte, wurde es ein Reinfall.
Mein Zimmer lag in einer alten, zum Studentenwohnheim umfunktionierten Wehrmachtskaserne knapp vor Stadelheim und zeigte auf einen versenkten Zubringer zur Salzburger Autobahn, das Lüften brachte Feinstaub, und nachts strahlte die Neon-Straßenbeleuchtung herein. Das monotone Dröhnen der Autos wurde nur manchmal von der Technomusik im Stockwerk über mir übertönt, und mindestens einmal war Kot im Treppenhaus an die Wände geschmiert.
Trotzdem war es eine notwendige Zeit. Ich schrieb meine Magisterarbeit, ich lud zum ersten Mal A. zu einer Kartoffelsuppe ein, und ich wohnte Tür an Tür mit E.
Am Anfang konnte ich sie nicht gut einschätzen, und manchmal traute ich mich nicht in die Küche, wenn sie kochte. E. spricht mit einem leichten osteuropäischen Akzent, sie hat langes rotes Haar und die grünen Augen einer Katze.
Wir haben beide Liebes-, Geld- und Unikummer gehabt in dem knappen Jahr, das ich dort aushielt. Oft haben wir unsere letzten paar Euro zusammengelegt für eine Flasche Wein und eine Forelle, der wir den Bauch mit Thymian und Petersilie vollstopften, bevor wir sie in den Ofen schoben. Oder für zwei verbilligte Späteintritte in die Westbad-Sauna, Freitag Abend zwischen all den mittelalten Autohändlern aus dem Westend.
Wie das dritte Mädchen hieß, das in der Wohnung wohnte, weiß ich gar nicht mehr.
Letztes Jahr, an einem Tag Mitte November, als ich schon in der großen grauen Stadt einige Dinge in die Wege leitete, da rief mich E. auf dem Handy an und erzählte mir, dass morgen früh ihre Tochter geboren sein würde.
Seitdem habe ich sie nicht oft gesehen, das frische Muttersein hat sie beansprucht. Heute also endlich einmal wieder spontan bei E. Das Baby ist schon sehr gewachsen.
E. und ich, wir sind andere und die gleichen.
Und wegen solchen Tagen Jahren Menschen ist “die Stadt wechseln”, “flexibel sein”, “in die Karriere investieren” manchmal doch nicht so leicht, wie man immer behaupten muss.

für die es zahlreiche Gründe gibt…“.

Haarsträubendes am Sonntagmorgen.

Gestern die Zusage für den 90m² Dielenstuckgründerzeittraum in der großen grauen Stadt, heute das Münchner Nest der letzten drei Jahre feilgeboten. Beim Hinschreiben des Mietpreises wieder einmal darüber erschrocken, wie viel Geld das Leben hier kostet. An den Schneematsch und den gereizten Tonfall und den Geruch der U-Bahn in B. gedacht.
Mixed Emotions.

Wie anstrengend das ist, wenn sich alles ändert und alles organisiert sein will und man deswegen ständig auf Rückmeldungen wartet, und nichts ist eindeutig. (Heute: warten auf die Zu- oder Absage wg. Wohnungsbewerbung. Warten auf Rückmeldungen diverser Versicherungen, die sich drastisch auf das Nettoeinkommen auswirken könnten. Um nur die wichtigsten zwei zu nennen.)

…mit 70 Minuten Verspätung angekommen. Da ich die Bahnfahrt diesmal nicht selbst bezahlt habe und sie richtig teuer war, kann ich über das Rückerstattungsformular 25 Euro verdienen. Cosí si fa.

Am Schiffbauerdamm verstehe ich dann zumindest ein bisschen, warum überall von der “Katastrophe” die Rede war, als es zu schneien anfing, denn bis hierher hat es sich offenbar nicht rumgesprochen, dass man das Zeug auch von Straßen und Gehsteigen wegräumen kann. Autos und Menschen schlittern durch den Matsch.

Wenn man auf einer großen Veranstaltung am zukünftigen Arbeitsort die zukünftigen Chefs zum ersten Mal nach der Jobzusage trifft und sie sagen unisono: Mensch, das sieht ja aus, als hättest Du immer schon hierher gehört, dann klingt das ganz gut und es smalltalkt sich einigermaßen locker.

Wenn man hört, wie viele Leute sich beworben haben, und man weiß nicht genau, wer von den umstehenden ehemaligen KommilitonInnen und flüchtigen Bekannten da auch dazu gehört, dann fühlt sich die Luft einen Moment lang ungefähr ein halbes Grad kühler an.

In den meisten Phasen meines Lebens hat es einen grand old man gegeben, der mir nicht gern die Hand gegeben hat. Und jedesmal überrascht es mich, dass gerade das mich anstachelt.

Die accommodations werden besser, aber werden diese Gelegenheiten jemals – leichter?

…you know that I’m half crazy.

ein Stöckchen, von hier. Das gab’s ja noch nie.

Was hast Du 2009 nie getan?
Die Haare gefärbt. Gekifft. Arabisch gelernt. Einen Nagel in die Wand geschlagen. In die Kirche gegangen.
Kein Konzert. Kein Theater – doch, einmal, zum Glück. Kein Schwimmbad, keine Sauna. Oh Mann, was für ein Jahr.

Dein Wort des Jahres?
W o r t des Jahres? Vielleicht “Überzieher”? (Die Bibliotheksangestellte zu mir: “Sie sind so ein chronischer Überzieher.”)


Deine Stadt des Jahres?
München. Jetzt, wo’s von dannen geht.

Anzahl Alkoholexzesse?
Wie üblich keiner. Nach Süßkram fragt ja niemand…

Höchste Handyrechnung.
Völlig uninteressant.

Krankenhausbesuche.
Ausnahmsweise mal keiner. Alle tot oder wieder gesund.

Verliebt?
:-)

Getränk des Jahres?
Rote-Beete-Saft. Muss sehr kalt getrunken werden.

Most called person?
Bin nicht so ein Telefonierer. Vielleicht V. in H.

Song des Jahres?
click. ;-)

TV-Serie des Jahres?
Die Löwengrube. Wiederentdeckt auf DVD. Fernseher gibt’s hier nicht.

Erkenntnis des Jahres?
Passt nicht auf ein Stöckchen.

Nachbar des Jahres?
Sind das die Leute, die ihre nassen Hunde im Aufzug spazierenfahren? Oder der unbekannte Mann, der Wand an Wand mit unserem Schlafzimmer sein Bad hat und jeden Morgen pünktlich um 8 seinen Rasierer ausklopft – tock-tocktock?

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?
Wird sich noch herausstellen…

Schlimmstes Ereignis?
Hm. Vielleicht der eine große Streit, der mich eigentlich gar nichts anging?

Schönstes Ereignis?
“50-cent-Gondel” quer über den Canal Grande mit A. vielleicht? Oder J. auf dem Arm zu halten.

Welchen fünf wirfst Du das Stöckchen zu? Mein Gott, ich kenn doch gar keine fünf Blogger, und Unbekannte bewerfe ich nicht mit Gegenständen. Also bediene sich, wer mag.