Als wir die Lichterkette endlich um den außergewöhnlich großen Baum gewickelt haben, geht sie nicht mehr. Da der Onkel, der unten im Haus wohnt und ein A**ch ist, praktischerweise im Elektroladen arbeitet, wird er uns eine neue mitbringen. 160 Lichter mit Sicherung für den Außenbereich werden es am Ende sein, die das kleine Mansardenwohnzimmer hell erstrahlen lassen, nachdem wir gefühlte zwei Stunden lang fluchend ob der kleinen Ansteckschlaufen erneut den Baum umrundet haben. Im Zimmer wird es unerträglich heiß.
Und dann ist auch schon fast der andere Onkel angekommen, der fast nie spricht, gerüchteweise depressiv ist und um den, weil er alleinstehend ist und noch ein großes Haus besitzt, das eines Tages vererbt werden muss, alle herumtanzen wie um das Goldene Kalb, obwohl er, aufgrund lebenslangen Mangels an Sozialkontakten, nicht so einfach zu unterhalten ist. Wenn man zum Beispiel neben ihm steht und ihm eine einfache Frage der Kategorie „Ich hoffe, Du magst Marzipan?“ stellt, dann kann es durchaus sein, dass man einfach keine Antwort bekommt, weil ihm das zuviel an Spontanität ist.
Dass ich eine Zusage für einen neuen Job habe, wurde über meine Schwester bereits verbreitet, aber irgendwie scheinen alle wortlos aber demonstrativ zu erwarten, dass ich das noch im Verkündungston verkünde. Ich habe keine Lust dazu und würde lieber direkt gefragt werden. Meine Mutter betont unterdessen mehrmals, dass sie dieses Weihnachten ja auch einmal wieder in die Kirche gehen MÜSSE, und als ich sie endlich frage, warum, erklärt sie mir, dass sie ja eine Kerze für meine Bewerbung aufgestellt habe, und jetzt habe das tatsächlich geklappt. Ach, hätt ich meine Mutter und den Heiligen Geist nicht, in der Gosse müsst’ ich landen, trotz Studium und Doktorarbeit. Als ich später einmal erwähne, im Januar könne ich sie dieses Jahr wohl nicht besuchen, wegen der Prüfung, da heißt es ratlos: Was für eine Prüfung. Ach so, die Doktorprüfung…
Der einzige, der mich am Ende direkt nach dem neuen Job fragen wird, ist der Onkel A**ch. Seinen Beinamen trägt er vor allem deshalb, weil er in vielen Belangen ein A**ch ist, und weil er alle Moslems für gewaltbereit und mich für eine Islamistin hält, weil ich in meinem Job öfter mit Muslimen in Berührung komme. Und für eine Kommunistin außerdem, weil ich nicht die CSU wähle, aber die ZEIT lese. Was für einen Smalltalk soll ich also mit ihm führen, wenn der neue Job mich zuerst einmal wieder nach Jordanien führen wird? Aber es ist ja Weihnachten, und so lächeln wir einander höflich zu und umschiffen die bösen Worte, derer dieses Jahr schon genug waren.
Denn schließlich ist es schon eine Zumutung, dass meine Mutter jetzt den kleineren, schlechter instand gehaltenen Teil des mühsam ererbten „Elternhauses“ bewohnt, das in Wahrheit nur eine Kapitalanlage meiner Großeltern war und in dem er schon zeitlebens mietfrei sitzt, Kern seiner Selbstdefinition als „Leistungsträger“ oder so und steter Quell freudiger Auseinandersetzungen, die zu führen mir für dieses Fest aber verboten wurde. Selbst, als ich einmal kurz als Einwand auf eine onkelseitige Aussage erwähne, dass die Strecke München-Berlin als Flugstrecke nicht gerade eine gute Ökobilanz aufweise, werde ich von meiner Schwester in die Seite gestupst: dass ich nur ja keinen Unfrieden stifte.
Als wir die von meiner Mutter gebratene Ente für das gemeinsame Mahl zur onkel’schen Tafel hinuntertragen, bekommt das zweiköpfige Wesen Schwester+Ich, das von meiner Mutter meistens als „IHR“ angesprochen wird, als gäbe es sechs Jahre Altersunterschied und diverse phänotypische, biographische und sonstige Unterschiede nicht, noch den frreundlichen Hinweis: dass IHR aber bitte zuerst dem Onkel ein Bruststück überlasst, sonst ist er beleidigt. Die Haxe mag er nicht. Na dann. Schwester+Ich, das entenbrustvertilgende Heuschreckenwesen. Ach ja, und in die Soße darf ja auch kein Wein, denn das mag der Onkel, der niemals spricht, überhaupt nicht. Ich mag das übrigens auch nicht, schon seit zwanzig Jahren nicht, eigentlich mag ich Ente generell nicht so gern, aber davon ist nicht die Rede. Auch Käsebrot wird mir immer wieder und auch diesmal gleich nach der Ankunft wieder angeboten, obwohl jeder weiß, dass ich seit frühester Kindheit Brechreiz bekomme bei rohem Käse. Aber die Leberknödel waren gut, das muss ich zugeben.
Bescherung. Das zehnjährige Kind von Onkel A**ch, dessen Proletarisierung durch hemmungslose Konsumhingabe von Besuch zu Besuch deutlicher zu erkennen ist, bekommt, genau wie im letzten Jahr, den neuesten NINTENDO irgendwas und sonst genau gar nichts außer dem kleinen Buch mit Detektivstories zum Englischlernen von mir, das mit den Worten „So gut kann ich nicht Englisch“ zur Seite gelegt wird, bevor das Kind restlos hinter dem NINTENDO irgendwas verschwindet und nicht mehr auf Ansprache reagiert, bis es zur Zweitbescherung bei Mama und ihrem neuen Freund gekarrt wird. Onkel A**ch könnte zufrieden sein, er hat seine Exfrau bestimmt wieder einmal geschenkemäßig überboten, trotzdem bekommt er dann auf einmal ganz feuchte Augen und wiederholt im Zweiminutentakt, wie sehr er dieses Weihnachten doch hasse. Fast hat er mir leidgetan, aber nur fast.
Weil wegen der vielen Onkels und Katzen kein Platz mehr auf dem Sofa ist, sitze ich am Boden unter dem Weihachtsbaum und packe meine Geschenke aus. Die von A. sind am wenigsten bunt eingepackt, aber am schönsten. Ein Kalender ist dabei, der ihn und mich auf einem besonderen Foto zeigt, ganz unprätentiös und irgendwo in der Mitte. Eine Tasche für meine neue Kamera, und einen Lieblingsfilm, den ich immer wieder anschauen kann. A. sitzt jetzt am anderen Ende Bayerns in einer anderen Familie, ich denke an ihn.
Auch ein paar andere Geschenke sind natürlich schön, aber von meiner Mutter bekomme ich, neben einigen schönen Dingen, zum dritten oder vierten Mal eine viel zu kleine Teekanne und eine Zuckerdose und ein Milchkännchen. Ich denke an einen anstehenden Umzug und die vielen unnützen Dinge, die sich jetzt schon in meinem Haushalt befinden. Vor der Abfahrt werde ich den Karton noch hinter dem Sofa verstecken, damit ich ihn unauffällig vergessen kann.
Als meine Mutter, die Tierfreundin, ihr Geschenk auspackt, eine Urkunde über eine Tierp.atenschaft für einen Kleinbären im Zoo, dreht sie das Blatt skeptisch hin und her: „Und was kostet mich das jetzt?“ Ich überlasse es meiner Schwester, die Natur dieses Geschenkes zu erklären (wir zahlen, sie ist die Patin) und schaue nicht mehr hin, als das Blatt ähnlich schmallippig um Freude bemüht zur Seite gelegt wird wie letztes Jahr mein selbstgemachter Fotokalender, den ich schon beim nächsten Besuch im Februar mit Katzenfutter verschmiert und als Notizblock missbraucht irgendwo im Chaos unter dem Wohnzimmertisch gefunden habe. Im Moment könnte man denken, die Packung Schokoladen von der Nachbarin waren auf jeden Fall das tollere Geschenk [auch wenn meine Mutter natürlich "eigentlich" überhaupt nicht so viele Süßigkeiten isst, wie, zum Beispiel, Schwester+Ich]. Trotzdem wird sie morgen oder übermorgen der Nachbarin erzählen, was für ein einzigartiges und tolles Geschenk sie von den Kindern bekommen hat, und dann wird sie es auch so meinen. Es ist halt so.
Die Musik, die wir zur Untermalung der Bescherung mitgebracht haben (Klezmonauts, Dresdner Kreuzchor, Peter Paul & Mary), ist ja „überhaupt nicht weihnachtlich“. Weihnachtlich ist nämlich nur Elvis.
Zwei Nächte schlafe ich auf einer schmalen Couch, mit einer Vollsynthetik-Fleecedecke und zwei dekorativen Sofakissen unter dem Kopf. Mein Nacken knackt bei jeder Bewegung.

Fast die ganze Zeit läuft der Fernseher, was für mich sehr anstrengend geworden ist, seit ich selber keinen mehr habe. Als ich ihn, nach zwei ergebenislosen Zappingrunden irgendwann bei „Weihnachten mit Carolin Reiber“ einfach ausschalte, werde ich so verwundert angeschaut, als hätte ich ihn aus dem Fenster geworfen.
Bestimmt um die 3 Kilo Lebensmittel werden weggeworfen im Laufe von drei Tagen.
Wir haben selbstgebackene Plätzchen mitgebracht, aber auf einmal soll lieber noch Käsekuchen und Schmalznudel gekauft werden. Ich mache mit, ich will nicht wieder in die Seite gestupst werden, weil ich den provozierenden öko-Gutmenschen geben muss.
Am ersten Feiertag gibt es einen Nachmittagsspaziergang durch diesen kleinen Ort, an dem ich nie zu Hause war und in dem es heilsames Wasser, unwahrscheinlich viele Schuhgeschäfte und Hotels gibt.

Nach zweieinhalb Tagen haben alle genug davon und voneinander.
Jetzt bin ich wieder zu Hause.
Aber der Baum war schön, letzten Endes, auch wenn die Spitze nicht mehr Platz gehabt hat.












