„Es gibt viele und reiche Bibliotheken – gerade hier in München. Leider wird davon viel zu wenig Gebrauch gemacht. Es könnten dort oft noch sehr viel mehr Studenten sitzen, das Zweifache, ja Dreifache. Leere Räume und unbenutzte Bücherreihen sind kein Ausweis für Wissensdurst, sondern eher ein Indiz für Gleichgültigkeit“.
Bei einem Besuch der Bayerischen Staatsbibliothek München wird diese emphatische Beobachtung – die schon einige Jahre her sein mag– Lügen gestraft: An einem Sonntag (!) im Frühsommer(!) fand der Schreiber dieser Zeilen erst nach wiederholtem Durchwandern des Lesesaals einen Platz an einem Stuhl und Tisch – alle anderen Plätze waren mit eifrig arbeitenden Studenten besetzt.
Ein Grund zur Genugtuung also – nie war der Wissensdurst größer, könnte man meinen. Menschen, die Sommersonntage in der Bibliothek zubringen, müssen schon afeccionados der geistigen Arbeit sein. Aber was tun, was lesen sie? Und was kann ein Lesesaal für den Benutzer bedeuten?
Ein Lesesaal – allgemein zugängliches Herzstück neuzeitlicher Bibliotheken, man denke an den Lesesaal der British Library in London, der Bibliothèque National in Paris, der National Library in Washington. Ihnen ist gemein eine aufklärerischer Idee: die Kammer des Wissens und der Gedanken für jedermann zu öffnen, zugleich einen Ort zu schaffen, an dem man sich ungestört in die Schätze vertiefen kann. Was tut man im Lesesaal? Eine Frage, die rein rhetorischer Natur zu sein scheint: was scheint wort- und bestimmungsgemäßer als: Lesen! Man erinnert sich an die poetische Schilderung der Stimmung im Lesesaal der Bibliothèque National um 1910 durch Rilke:
“Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die Schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, zwischen lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden”.
Hier ist der Lesesaal ein Refugium, ein Ort der Ruhe, in ihm wird ein menschlicher Idealzustand erreicht, Erdenschwere in traumhafte Leichtigkeit verflüchtigt, durch anscheinend zweckfreie, ganz auf das Individuum bezogene Lektüre.
Von dieser Atmosphäre - die an die Szene in der Preußischen Nationalbibliothek in „Der Himmel über Berlin“ erinnert, wo sich Engel unbemerkt zwischen Lesenden bewegen – ist 100 Jahre später an jenem Nachmittag im Lesesaal der Staatsbibliothek nicht viel zu spüren. Sieht man genauer hin, so scheint es, als ob paradoxerweise die eigentlichen Leser im Lesesaal in der Minderheit seien. Eher nimmt man beim Gang durch die Reihen wahr, daß angestrengt gelernt wird. Ja, es entsteht der Eindruck, als handle es sich um eine Art geistige Legehennenbatterie. Seite an Seite, dichtgedrängt, alle in eine Richtung, nach orthogonalem Schema, in verschiedenen Ebenen, mit schmalen Laufwegen zwischen den Plätzen.
Was sind die Gegenstände der Arbeit, der Produktion? Ihrer Mehrzahl nach sind es dicke rote Bücher, häufig liebevoll mit farbigen Rubriken und Einmerkern versehen, dann Pappkästen mit Karteikarten, auf denen “BGB” oder “Strafrecht” steht. Die Karten werden beschrieben, mit farbigen Stiften bearbeitet, manchmal Vorder- und Rückseite verglichen, ihr Inhalt der gerunzelten Stirn eingeprägt. Ähnliches geschieht mit dicken Handbüchern, vermutlich wirtschaftswissenschaftlichen Inhalts, der sich auch in den bunten Diagrammen und Tabellen auf zahlreichen Labtopbildschirmen widerspiegelt. Da wird eifrig auf Taschenrechnern getippt, Formeln werden zu Papier gebracht. Ordner mit Vorlesungsskripten liegen auf den Tischen und werden angestrichen oder nochmals abgeschrieben. Diese ganzen Utensilien finden in durchsichtigen Tüten Eingang in die Bibliothek und werden auch so wieder hinausgetragen.
Es stellt sich die Frage: Warum setzen sich diese Leute, welche die Ressourcen der Bibliothek gar nicht nötig haben, nicht zu Hause an den Schreib- Küchen- oder sonst einen Tisch, wo es doch immerhin gemütlicher wäre? Oder in ein Cafè? Die Antwort ergibt sich aus Beobachtung und eigener Erfahrung: Das Legehennenumfeld zwingt zur Konzentration, Effizienz (man will ja schnell wieder weg); dazu sind Ablenkungen wie zuhause oder „draußen“ auf ein Minimum reduziert, trotzdem fehlt es nicht an einer gewissen Infrastruktur mit Tischen, Stühlen, Toiletten sowie der Möglichkeit, die sozialen Kontakte zu seinen Leidensgenossen zu pflegen, gemeinsame Rauch- Trink- und Essenspausen, sich über Prüfungstermine- und Ordnungen auszutauschen.
So kann man Stunden, Tage, Wochen hier verbringen. Als Stützpunkte dienen die Schließfächer, in ihrer Struktur ein Abbild des Lesesaals: Für jeden ist ein Platz reserviert, genormt funktional, temporär. Er nimmt die lebenswichtigen Dinge auf: Wasserflasche bzw. Thermoskanne, Brotbox, Telefon (soweit man es nicht doch mitnimmt und in Konzentrationspausen SMS schreibt), Überkleidung, Taschen. Die Schließfächer sind heißbegehrt, wie die Plätze oben, und werden ebenso eifersüchtig gehütet und besetzt gehalten. Mit –so darf man manchmal unterstellen- kleiner Lust an der Provokation öffnet man sein Fach, wirft den Wartenden einen Seitenblick zu, um nach der Flasche zu greifen, in tiefen Zügen zu trinken, um dann alles wieder zu verstauen und die Tür sorgsam abzuschließen. Der Schlüssel ist Unterpfand des besetzten Faches, eines kleinen privaten Ausschnitts aus der großen anonymen, durch Nummern markierten Zellenwand, erkauft durch frühes Aufstehen des Benutzers. Wer spät kommt, muß sich bücken und mit Fächern tief unten vorlieb nehmen.
Der Tag beginnt morgens an den Fächern und endet in der Dämmerung an ihnen wie an Ställen und Futterkrippen; in Szenen, die an Almauf- und Abtrieb erinnern - was nicht zuletzt die mächtige, ehemals König Ludwig I. vorbehaltene Treppe suggeriert, die vom Erdgeschoß in den ersten Stock zum Lesesaal führt. Kann man anderes, als bei diesem Bild auch an die Wendung vom „Ochsen“ und „Büffeln“ in Verbindung zu denken? Abends auf der Treppe und an den Schließfächern hört man verabredende Fragen: Ob man morgen auch um acht wieder da sei? Ja, sicher, vielleicht erst um Viertel nach…. Es liegt ein Sich-Dareinbegeben in das Schicksal des Büffelns diesen Worten – eine Gleichgültigkeit, die, anders als Hans Maier es sich wohl gedacht hatte, sich gerade die Bibliothek als Aufenthaltsort gewählt hat.
Es ist schon spät, der Strom der Menschen auf der Treppe schon versiegt, als noch jemand die Stufen hinuntersteigt, ein Manuskript in der Hand. Ich kenne ihn zufällig. Er hat sich Bücher in den Lesesaal bestellt – für sein jüngstes Buch.
A.C.
Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge