Arbeitsplatz

Juni 17, 2008 by ivarmagazin

Man sieht es schon von weitem: Rent a plant, steht auf den Lastwägen, die auf dem Gehsteig vor der Staatsbibliothek parken, und tatsächlich, viele süße kleine exakt kegelförmig zugeschnittene Buchsbäumchen werden da gerade hineingetragen. Das Fahrrad an der gewohnten Stelle abzustellen, ist heute nicht drin, wird wegen Abendveranstaltung enfernt steht da auf dem sauber laminierten Ausdruck. Umwege auch im Inneren, das Foyer von gerafftem goldenen Satin verdunkelt, der rote Teppich schon halb die breite Treppe hinauf ausgerollt, und jede Menge Techniker. Oben, im der Vorhalle zum Lesesaal werden gerade Buffett und Klavier aufgestellt. Heute gelten sie nicht, die Schilder mit dem mahnenden Ausrufezeichen: Dies ist ein Arbeitsplatz, reden und mit dem Handy telefonieren streng verboten.
Alles wie immer nur eine Frage der Bezahlung. Auch dieser Arbeitsplatz ist aufkaufbar.
Drinnen im Lesesaal dafür wie immer kein Sitzplatz. Mit dem schweren Folianten auf den Knien auf der Treppe sitzen, Idealzustand der historischen Wissenschaft.
ET

Preisverleihung - Preisverleidung

Juni 15, 2008 by ivarmagazin

Am 6.6.08 wurde in Augsburg der Kunstpreis „Leonardo“ verliehen. Wer von diesem Kunstpreis noch nie gehört hat, braucht sich seiner Unkenntnis nicht zu schämen, denn der Preis wurde zum erstenmal vergeben, gestiftet von einem Augsburger Unternehmer. Ein Novum also, der Versuch, etwas zu etablieren ‑ in einer Stadt, die nicht unbedingt zu den Zentren zeitgenössischer Kunst gehört. Das Preisgeld sehr hoch: 50 000 €.  Wie gestaltet sich die Verleihung, wie vereinen sich Geld und Stilsicherheit?
Preisverleihungen – man kennt solche Szenarien: Begrüßung, Laudatio auf den/die Preisträger, Vorstellung der prämierten Arbeit, dann die eigentliche Verleihung, Händedruck, Dankesworte, vielleicht etwas Musik, dann Sekt und Häppchen. Beim „Leonardo“ gibt es das alles, aber noch vieles mehr.

 … ein schwarzer Mercedes


Vor dem Augsburger Rathaus steht, wie ein skulpturales Hinweisschild, ein schwarzer Mercedes. Ob da ein Chauffeur wartet, bis sein Dienstherr nach Erfüllung der kurzen Grußpflicht zum nächsten Termin weitereilt? Nein, in diesem präpotent geparkten Fahrzeug kann man niemand sehen, aber an der Windschutzscheibe technische Informationen zum Modell und den Verkaufspreis lesen. Wird es vielleicht anstelle des Kunstpreises verliehen? Was aber, wenn der Preisträger kein Auto möchte? Zweifel kommen auch auf, da der Preis des Fahrzeugs den des Preisgeldes um mehr als das Dreifache übersteigt. Schnell wird klar, daß Mercedes zu den Sponsoren des Preises gehört und nun eine kleine Möglichkeit zur Selbstdarstellung bekommt.

Dergestalt eingestimmt, betritt man das Rathaus. Salon-Musikklänge und Leute in festlicher Abendkleidung kommen entgegen. Im Saal mit seiner hohen, wuchtigen Renaissance-Decke spielt bereits eine Pianistin an einem schwarzglänzenden Flügel, auf der anderen Seite wartet ein Kammerorchester, in der Mitte eine Bühne mit Leinwand. Die Blicke schweifen umher, man sucht nach Bekannten, sucht die Künstler, die am Wettbewerb teilgenommen haben. Der größte Teil des Publikums sind allerdings dunkelgekleidete, meist ältere Damen und Herren. Verstreut, vor allem in den hinteren Reihen sieht man einige jüngere Gesichter, die sich auch durch ihre legerere Kleidung und eine gewisse Unruhe unterscheiden.

Nach etlichen Minuten leichter, träumerischer Klaviermusik geht es los: Fanfarenklänge aus den Lautsprechern, es wurbelt bunt auf der Leinwand, Formen bersten und setzen sich wieder zusammen, ist das die Berlinale oder Cannes? Vielleicht eher ein drittklassiger Schokoriegelspot. Die Bronze-Preisfigur, in Analogie zu der des Oscar gestaltet, wirbelt durch den Weltraum und landet – hier in Augsburg!

Hinter der Leinwand springt eine Gestalt hervor und ruft ihre Begrüßung in den noch anhaltenden triumphalen Schlußakkord. Sie ist die Personifikation guter Laune und Stimmung und vom Bayerischen Rundfunk. Sie ist blond, trägt ein rotes Samtkleid, schulter- rückenfrei und trägerlos, so daß man hinten einige weißliche Streifen erkennt, da, wo die Sonne sonst nicht hinkommt.

 

„In der guten Stube, nein, der besten Stube“


Sie preist den Stifter des Preises und die teilnehmenden Künstler und deren „Kreativität“ - neben der Sonne, die es heute gut mit uns meint und die zum „festlichen Rahmen“ beiträgt wie auch der Ort, die kunstträchtige „gute Stube“ Augsburgs. Der Bürgermeister wird dann von der „guten Stube, nein, der besten Stube“ sprechen. Superlative überall …

Vor der eigentlichen Preisverleihung liegt noch manches: es spricht der Staatsminister, es spielt das Jugendorchester eines renommierten örtlichen Gymnasiums, es spielt gut, getragen, melancholisch, dann rezitieren Schauspieler des Stadttheaters ein lustiges Stück, das die Beziehung abstrakte Malerei - Sammler thematisiert, und in dem das Wort “Scheiße” ziemlich häufig fällt, dann spielt das Orchester wieder schöne Musik, und die Abendsonne glänzt auf den goldenen Geweihen und Büsten.

Bevor es dann irgendwann zur Preisverleihung kommt - man erkennt die  Absicht der Veranstalter, das ganze weder zu kurz noch zu langweilig zu machen - tritt ein Komödiant auf.  Bei seinem ersten „Intermezzo“, wie in der Einladung angekündigt, zitiert er gängige Künstlerklischees. Als ihm diese ausgehen, rutscht er vollends in vorfabriziertes Kabarett ab, das er noch von der letzten Faschingsveranstaltung parat hat. Seine Auftritte werden durch den Rest des Programms lästigerweise unterbrochen: z.B. Filmchen, welche die Preisträger in der Galerie des Stifters zeigen um sie dann, in bester Show-Tradition, in Realpräsenz auf die Bühne zu bitten, und ihnen wagentürgroße Schecks mit dem Namen der örtlichen Sparkasse zu überreichen. Doch zwischen die drei Preisträger schiebt sich unermüdlich der Komiker. Der Abend wird immer länger, der Applaus immer dünner. Manche halten es nicht mehr aus und verlassen den Saal, blättern den üppigen Katalog der Wettbewerbsbeiträge durch – ganz vorne ein großes Blatt mit den Logos der Sponsoren. Der Katalog ist allerdings auch von den Teilnehmern/Finalisten selbst käuflich zu erwerben. Das Buffet läßt dann keine Wünsche offen. Wenigstens hier spart man sich die Bemerkung, die ansonsten Resümee für die Inszenierung dieser Preisverleihung ist: „Weniger wäre mehr gewesen“. Etwas seltsam, die ganze Veranstaltung …

 

A.C.

 

Vorzeichen

Juni 15, 2008 by ivarmagazin

Gestern plötzlich etwas Militantes. Genau da, wo man in das Schließfach einen Euro (”Rückgabe nach Benutzung”) einwirft, bevor man in den Lesesaal der Bibliothek hinaufsteigt, genau da stand gestern ein Soldat, tarnfarben und mit dem Fernglas in der Hand. Er ist nur etwa einen Zentimeter groß und aus Hartplastik, und deshalb war er leicht zu überwältigen. Natürlich weiß er noch nichts von den modernen urbanen Zivilisten, die bei IVAR leben, seine Gefangenschaft wird also eine leichte sein.
Wer aber hat ihn stationiert, auf welcher Seite steht er, was war sein Auftrag? Stadtguerilla,  Spielplatz, Spitzel? Vorzeichen und Manöver, Überrest und Reminiszenz? Er schweigt sich aus, und wir warten.
ET

Politics in a nutshell I.

Mai 21, 2008 by ivarmagazin

Déjà-vu.
Köhler steht für Geld, Schwan steht für Geist.

Wer, glaubt Ihr, wird das Rennen wohl machen?

ET

Leesesaal

Mai 7, 2008 by ivarmagazin

„Es gibt viele und reiche Bibliotheken – gerade hier in München. Leider wird davon viel zu wenig Gebrauch gemacht. Es könnten dort oft noch sehr viel mehr Studenten sitzen, das Zweifache, ja Dreifache. Leere Räume und unbenutzte Bücherreihen sind kein Ausweis für Wissensdurst, sondern eher ein Indiz für Gleichgültigkeit“.[1]

Bei einem Besuch der Bayerischen Staatsbibliothek München wird diese emphatische Beobachtung – die schon einige Jahre her sein mag– Lügen gestraft: An einem Sonntag (!) im Frühsommer(!)  fand der Schreiber dieser Zeilen erst nach wiederholtem Durchwandern des Lesesaals einen Platz an einem Stuhl und Tisch – alle anderen Plätze waren mit eifrig arbeitenden Studenten besetzt.
Ein Grund zur Genugtuung also – nie war der Wissensdurst größer, könnte man meinen. Menschen, die Sommersonntage in der Bibliothek zubringen, müssen schon afeccionados der geistigen Arbeit sein. Aber was tun, was lesen sie? Und was kann ein Lesesaal für den Benutzer bedeuten?

Ein Lesesaal – allgemein zugängliches Herzstück neuzeitlicher Bibliotheken, man denke an den Lesesaal der British Library in London, der Bibliothèque National in Paris, der National Library in Washington. Ihnen ist gemein eine aufklärerischer Idee: die Kammer des Wissens und der Gedanken für jedermann zu öffnen, zugleich einen Ort zu schaffen, an dem man sich ungestört in die Schätze vertiefen kann. Was tut man im Lesesaal? Eine Frage, die rein rhetorischer Natur zu sein scheint: was scheint wort- und bestimmungsgemäßer als: Lesen! Man erinnert sich an die poetische Schilderung der Stimmung im Lesesaal der Bibliothèque National um 1910 durch Rilke:

“Es sind viele Leute im Saal, aber man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie sich in den Blättern, wie Menschen, die Schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, zwischen lesenden Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden”.[2]

Hier ist der Lesesaal ein Refugium, ein Ort der Ruhe, in ihm wird ein menschlicher Idealzustand erreicht, Erdenschwere in traumhafte Leichtigkeit verflüchtigt, durch anscheinend zweckfreie, ganz auf das Individuum bezogene Lektüre.

Von dieser Atmosphäre - die an die Szene in der Preußischen Nationalbibliothek in „Der Himmel über Berlin“ erinnert, wo sich Engel unbemerkt zwischen Lesenden bewegen – ist 100 Jahre später an jenem Nachmittag im Lesesaal der Staatsbibliothek nicht viel zu spüren. Sieht man genauer hin, so scheint es, als ob paradoxerweise die eigentlichen Leser im Lesesaal in der Minderheit seien. Eher nimmt man beim Gang durch die Reihen wahr, daß angestrengt gelernt wird. Ja, es entsteht der Eindruck, als handle es sich um eine Art geistige Legehennenbatterie. Seite an Seite, dichtgedrängt, alle in eine Richtung, nach orthogonalem Schema, in verschiedenen Ebenen, mit schmalen Laufwegen zwischen den Plätzen.

Was sind die Gegenstände der Arbeit, der Produktion? Ihrer Mehrzahl nach sind es dicke rote Bücher, häufig liebevoll mit farbigen Rubriken und Einmerkern versehen, dann Pappkästen mit Karteikarten, auf denen “BGB” oder “Strafrecht” steht. Die Karten werden beschrieben, mit farbigen Stiften bearbeitet, manchmal Vorder- und Rückseite verglichen, ihr Inhalt der gerunzelten Stirn eingeprägt. Ähnliches geschieht mit dicken Handbüchern, vermutlich wirtschaftswissenschaftlichen Inhalts, der sich auch in den bunten Diagrammen und Tabellen auf zahlreichen Labtopbildschirmen widerspiegelt. Da wird eifrig auf Taschenrechnern getippt, Formeln werden zu Papier gebracht. Ordner mit Vorlesungsskripten liegen auf den Tischen und werden angestrichen oder nochmals abgeschrieben. Diese ganzen Utensilien finden in durchsichtigen Tüten Eingang in die Bibliothek und werden auch so wieder hinausgetragen.

Es stellt sich die Frage: Warum setzen sich diese Leute, welche die Ressourcen der Bibliothek gar nicht nötig haben, nicht zu Hause an den Schreib- Küchen- oder sonst einen Tisch, wo es doch immerhin gemütlicher wäre? Oder in ein Cafè? Die Antwort ergibt sich aus Beobachtung und eigener Erfahrung: Das Legehennenumfeld zwingt zur Konzentration, Effizienz (man will ja schnell wieder weg); dazu sind Ablenkungen wie zuhause oder „draußen“ auf ein Minimum reduziert, trotzdem fehlt es nicht an einer gewissen Infrastruktur mit Tischen, Stühlen, Toiletten sowie der Möglichkeit, die sozialen Kontakte zu seinen Leidensgenossen zu pflegen, gemeinsame Rauch- Trink- und Essenspausen, sich über Prüfungstermine- und Ordnungen auszutauschen.

So kann man Stunden, Tage, Wochen hier verbringen. Als Stützpunkte dienen die Schließfächer, in ihrer Struktur ein Abbild des Lesesaals: Für jeden ist ein Platz reserviert, genormt funktional, temporär. Er nimmt die lebenswichtigen Dinge auf: Wasserflasche bzw. Thermoskanne, Brotbox, Telefon (soweit man es nicht doch mitnimmt und in Konzentrationspausen SMS schreibt), Überkleidung, Taschen. Die Schließfächer sind heißbegehrt, wie die Plätze oben, und werden ebenso eifersüchtig gehütet und besetzt gehalten. Mit –so darf man manchmal unterstellen- kleiner Lust an der Provokation öffnet man sein Fach, wirft den Wartenden einen Seitenblick zu, um nach der Flasche zu greifen, in tiefen Zügen zu trinken, um dann alles wieder zu verstauen und die Tür sorgsam abzuschließen. Der Schlüssel ist Unterpfand des besetzten Faches, eines kleinen privaten Ausschnitts aus der großen anonymen, durch Nummern markierten Zellenwand, erkauft durch frühes Aufstehen des Benutzers. Wer spät kommt, muß sich bücken und mit Fächern tief unten vorlieb nehmen.

 Der Tag beginnt morgens an den Fächern und endet in der Dämmerung an ihnen wie an Ställen und Futterkrippen; in Szenen, die an Almauf- und Abtrieb erinnern - was nicht zuletzt die mächtige, ehemals König Ludwig I. vorbehaltene Treppe suggeriert, die vom Erdgeschoß in den ersten Stock zum Lesesaal führt. Kann man anderes, als bei diesem Bild auch an die Wendung vom „Ochsen“ und „Büffeln“ in Verbindung zu denken? Abends auf der Treppe und an den Schließfächern hört man verabredende Fragen: Ob man morgen auch um acht wieder da sei? Ja, sicher, vielleicht erst um Viertel nach…. Es liegt ein Sich-Dareinbegeben in das Schicksal des Büffelns diesen Worten – eine Gleichgültigkeit, die, anders als Hans Maier es sich wohl gedacht hatte, sich gerade die Bibliothek als Aufenthaltsort gewählt hat.

Es ist schon spät, der Strom der Menschen auf der Treppe schon versiegt, als noch jemand die Stufen hinuntersteigt, ein Manuskript in der Hand. Ich kenne ihn zufällig. Er hat sich Bücher in den Lesesaal bestellt – für sein jüngstes Buch.

A.C.


[1] Hans Maier: Ratschläge für Philosophiestudenten In: Wenn Mozart heute zur Schule ging. Glossen zur Zeit. Freiburg 2006, S. 130

[2] Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

 
 

 

 

 

 

 

 

Poesie und Subversion

Mai 6, 2008 by ivarmagazin

Ein Gedicht zu schreiben bedeutet stets, die Öffentlichkeit zumindest potenziell als Adressaten einzubeziehen, wenn das Persönliche offengelegt wird. So ist die Poesie per se ohne Obdach. Wie der Obdachlose sich beim Essen und Trinken zusehen lassen muss, wie der fremde Blick auf sein Bett, auf seine bescheidene Habe im Vorübergehen möglich, oft unausweichlich ist, so ist auch die Poesie der urbanen Wirklichkeit ausgesetzt.
Es soll hier nicht die Frage sein, inwiefern man die Wahl hat, zwischen Obdachlosigkeit und geregeltem Tageslauf, zwischen Poesie und anständigem Broterwerb - auch wenn sie, wie man sieht, weitere Parallelen zutage fördern könnte, womöglich sogar ursächliche Zusammenhänge.
Was mich beschäftigt, ist der Gedanke der Subversion. Manchmal begegnet man jener Art von urbanem Landstreicher, der sein Dasein wie eine Selbstverständlichkeit vor sich her trägt, mitunter durchaus demonstrativ. Fast könnte man sagen: Wie einen Beruf. Nein, eben wie das Gegenbild eines Berufes im Sinne geregelter Erwerbstätigkeit. Ist es denkbar, dass man das wählt: Im Winter auf dem kalten Boden zu schlafen, Pfandflaschen aus Mülleimern zu fischen, mit aufgehaltener Hand den Leuten in der Fußgängerzone auf die gut gekleideten Knie schauen?
Dass man das wählt, in bewusster Opposition zur gesellschaftlichen Konvention. Eben als Zeichen dafür, dass es entgegen aller standardisierter Lebensläufe eine Wahl gibt? Mit einem Wort: Kann es sein, dass man so etwas wählt, als bewussten Akt der Subversion?

Ich glaube, dass es denkbar ist. Ich sage denkbar. Ich sage auch, dass es bestimmt nicht viele sind, die das freiwillig tun. Und noch weniger, die es niemals bereuen. Und doch halte ich es für denkbar, unter der Voraussetzung einer Verwandtschaft von Poesie und Obdachlosigkeit. Das Verbindungsglied ist die Subversion.
“Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms”, schrieb Handke 1967. Literatur sei per se unwirklich, mithin unpolitisch - aber ist die Entpolitisierung der Poesie, von der mithin die Rede ist, nicht eigentlich die letztendlich konsequenteste Schlussfolgerung der Subversion?

Der Rückzug in den Elfenbeinturm, der Rückzug aus der Gesellschaft, die Verweigerung jeder ökonomischen Produktivität lassen sich durchaus als Antworten auf den Neoliberalismus einer durch und durch kapitalisierten Welt interpretieren. Eine außerparlamentarische Opposition im Geiste von Schwitters und Jandl lässt sich denken.

Und mindestens eine Frage bleibt: Wie konstruktiv kann eine subversive Poesie denn sein? Ob sie die urbane Wirklichkeit aushöhlen oder erneuern würde, ist nicht vorherzusehen.
Denn - und das unterscheidet sie am deutlichsten von der Obdachlosigkeit - sie ist Utopie.

E.T.

Gefühltes Alter. Ein Beispiel.

April 16, 2008 by ivarmagazin

Das Alter ist derzeit ja ein allgegenwärtiges Thema: Öffentlich tun die Alten ihre Visionen kund, während die junge Generation damit beschäftigt ist, diese Gedankenfreiheit zu finanzieren. So zumindest eine gängige Interpretation. Es gibt praktisch genormte Altersangaben für Wesentliche Lebensabschnitte: Auf der Ebene zwischen 20 und 30 hat man zwar noch die Wahl, später Teenager oder junger Erwachsener, und entsprechend dieselbe Wahl haben Arbeitgeber, Eltern und sonstige Autoritäten: Man soll im Zweifelsfall alles können, darf aber nichts behaupten oder fordern, man hat auf eigenen Beinen zu stehen, aber im Zweifelsfall vorgezeichnete Wege zu gehen. Danach wird es klarer: spätestens mit 30 die Promotion oder wahlweise die eigene Immobilie, ab 36 ist man als Frau schon spätgebärend, als Mann sollte man es auf irgendeine Art von Sessel geschafft haben, und so weiter…
So suggeriert es zumindest der mediale Mainstream, und die eine oder andere Wahrheit mag darin stecken. In Wirklichkeit ist der Umgang mit dem Alter, mit der Zahl der zurückgelegten und noch zu erwartenden Lebensjahre, wahrscheinlich eine viel individuellere, viel intimere und auch konkretere Angelegenheit.

Vor einigen Tagen starb meine Großtante. Sie war 82 Jahre alt, hatte seit mindestens zwei Jahren Alzheimer und starb nur fünf Wochen nach ihrer Schwester, die kein Alzheimer hatte. Der deutlichste Unterschied war, dass ihre Schwester noch schlucken konnte, während sie selbst zuletzt durch einen Schlauch ernährt wurde. Beide lebten seit Monaten in ihrer jeweils eigenen Welt, die sie in irgendeiner lange vergangenen Zeit verankert hatten. Die eine schaute in den Spiegel, und heraus winkte ihr seit zwanzig Jahren toter Bruder als junger Mann. Sie beschwerte sich bei uns darüber, dass er ständig bei ihrem Fenster hereinschaut, wo sie doch ohnehin schon brav die Alimente für sein uneheliches Kind bezahlt. Familiengeheimnisse liefen aus und waren völlig gegenstandslos. Die Tante hingegen war schätzungsweise fünfundzwanzig Jahre alt, verdiente gut, war ihrem Bruder überlegen und hatte das Leben vor sich.
So etwas macht die Zeit. Die andere Schwester, die ihr Leben lang Köchin war und nun mittels eines Schlauches mit grauem Brei ernährt wurde, war am letzten Weihnachtstag ihres Lebens damit beschäftigt, ein Möbelmarktprospekt säuberlich in Streifen zu reißen. “Heute hab ich viele gelbe Rüben zu schälen”, sagte sie zur Erklärung. Ich schätze, die Tante war in diesem Augenblick dreißig Jahre alt und träumte davon, endlich selbst Küchenchefin zu sein, um solche Aufgaben an die Jüngeren delegieren zu können. Die Aussichten waren gut.
Während sich die beiden in unseren Augen immer mehr auflösten, körperlich buchstäblich verschwanden und zudem ihr ganzes diszipliniertes und mühsames Leben nach und nach gelöscht wurde, während ihre in jahrelanger Arbeit angesparten Häuser verkauft wurden, um die Pflegekosten zu bezahlen, während ich den Nerz, das Statussymbol besserer Tage, in einer Art Leichensack unter mein Bett legte - während dessen suchte jede der beiden sich ein neues Zuhause in einer Zeit, in einer Altersstufe, in der sie ganz besonders sie selbst gewesen waren. Zumindest gefälllt mir der Gedanke, dass es so gewesen sein könnte. Im richtigen Alter.

Seltsam, dass ich selbst mich immer schon ein bisschen wie dreißig gefühlt habe und deswegen ein unsympathischer Teenager war und eine ungeduldige Studentin. Meine allerersten grauen Haare sehe ich jetzt wachsen und sage mir: “Ja, genau”. Vielleicht ist das Leben eine Wellenbewegung, und manchmal ist man ganz man selbst, und dann wieder ist man in der Warteschleife. Der Unterschied ist, dass man als junger Mensch darauf warten oder auch hinarbeiten kann, in etwas hineinzuwachsen, während man als alter Mensch die Fähigkeit braucht, etwas zurückzudrehen, irgendwohin zurückzukehren, zumindest in der eigenen Wahrnehmung. Die Demenz bringt das auf ganz extreme Weise zum Ausdruck, aber vielleicht ist es eine ganz generelle Tendenz. Abgesehen von allen körperlichen Merkmalen, bedeutet der Wechsel zwischen beiden Phasen wohl: Dass man alt wird.

Aber vielleicht werde ich das in 50 Jahren auch anders sehen.

E.T.

„Umtausch ausgeschlossen“

April 14, 2008 by ivarmagazin

 

…. liest man manchmal auf den Schildern von Sonderangeboten. Ansonsten können die allermeisten Waren umgetauscht werden: Regale, Bücher, Kleidung, Elektrogeräte … was die Illusion von schier grenzenloser Flexibilität erzeugt, ein angenehmes Gefühl des -Sich-Nicht-Endgültig-Festlegens. Der Handel bietet diese Möglichkeit, wohl berechnend, daß sie nicht über Gebühr in Anspruch genommen wird, denn jeder Umtausch ist mit gewissen Mühen verbunden, zumindest mit Zeiteinsatz. Und sein Recht auf Umtausch auch in Anspruch zu nehmen, hat oft einen peinlichen Beigeschmack – muß man sich doch möglicherweise vor anderen Kunden Fragen nach dem Grund für das Ansinnen gefallen lassen. Mit dem Widerruf der einmal getroffene Entscheidung setzt man sich leicht dem Vorwurf der Inkohärenz aus.

Auch etymologisch haftet dem Verb „umtauschen“ etwas Zwielichtes an: es klingt nicht umsonst ganz ähnlich wie das verwandte „täuschen“. Der sprichwörtliche „Roßtäuscher“ war eigentlich ein unbescholtener Pferdehändler, erst im Zuge seiner dubiosen Tauschaktionen wurde er zum Betrüger. Eine Sache für eine andere eintauschen – ein ganz archaischer Vorgang, sollte man meinen, bei dem die Pointe aber gerade in der Unsicherheit, der schwierigen Vergleichbarkeit der Tauschwaren liegt, im eventuellen Vorhandensein von Mängeln, die sich erst nach Abwicklung des Tausches herausstellten, und dadurch Gelegenheit zur Täuschung bieten. Die Geschichte vom „Hans im Glück“ ist eigentlich die fortgesetzter Täuschung beim Umtausch.

Sucht man bei den Nachbarsprachen nach Äquivalenten für „Umtausch(en), so gibt es wenig Wahlmöglichkeit: (to) „change“, „cambio“. Und dies begegnet häufig positiv konnotiert: Man denke an „wind of change“, womit ehedem der frühlingshafte Aufbruch im Osten besungen wurde.

Im Deutschen verteilt sich das universale semantische Feld von “change” auf mehrere kleinere, abgegrenzte Parzellen. Einmal mehr Partikularismus? Auf jeden Fall hört sich „Wind des Umtausches“ seltsam an. Hier ist es nun Zeit für den „Wechsel“. Er ist nicht mehr so eindeutig auf den Austausch von erworbenen Waren beschränkt, wie der Umtausch, der Anklang an „täuschen“ ist auch verschwunden; „Wind des Wechsels“ hätte sogar den Charme der Alliteration. Allerdings wird dem „Wechsel“ und seinen Bildungen nicht jene wohlwollende Neutralität zuteil wie „change“, sondern oft wie dem “Tausch” ein abermals negativer Beigeschmack: „wechselhaft“ deutet auf ein jeden Augenblick mögliches Kippen der Wetter- oder Gemütslage hin, bei dem man sich auf nichts Sicheres, Festes einstellen kann -die adäquateste Übersetzung für das berühmte„mobile“ bei Rossini wäre „wechselhaft“; statt dessen wurde dem eindeutigeren „trügerisch“ der Vorzug gegeben - „öfter als die Schuhe die Länder wechselnd“- so beschreibt Brecht das unstete Emigrantendasein. Und war nicht der „Wechsel“ ursprünglich ein Schuldschein, dessen Deckung unsicher ist, ein Tauschverfahren? Und wer hat sich nicht über die volatilen Wechselkurse von Devisen geärgert? Dem „Wechseln“ haftete etwas Unberechenbares, aber auch Radikales an. Das geht bis ins Ideelle: „I changed my mind“ „ho cambiato idea“, „I changed my live“ – in allen Fällen wäre „wechseln“ als unpassend hart fehl am Platz. Man kann den Beruf, die Stadt, das Land wechseln, aber das Leben?

Gegenüber dem warenmäßig-technischen, potentiell trügerischem „Umtausch“ und dem unsicher-radikalen „Wechsel“ wird im Deutschen in vielen Fällen der eher organisch imaginierten ”(Ver)änderung” der Vorzug gegeben. Wie heißt es am Schluß von Rilkes „Torso“?

„Du mußt dein Leben ändern.“

 

A.C.

 

Was ist IVAR?

März 25, 2008 by ivarmagazin

IVAR ist ein offenes Regal.

IVAR spannt Flächen auf, erlaubt vergleichendes Betrachten, Umstellen, Verschieben, Abstellen und erneutes Hervorholen. IVAR bietet unterschiedliche Ebenen, für Minimalkonsens, klirrenden Kontrast oder pure Harmonie.

IVAR kann eine zweckmäßige Plattform und eine ästhetische Entscheidung sein. Private Prosa oder Gegenöffentlichkeit.

IVAR ist auf Erweiterung und Integration angelegt, nicht auf Entscheidungszwang.

 

Hoffentlich steht was Interessantes drin.

 

“Da steht was Interessanteres”

März 22, 2008 by ivarmagazin

Kürzlich in einer Bibliothek, abends: die Benutzer versammeln sich nach einem langen Tag bei den Schließfächern, um ihre Laptops einzupacken. Zufällig stehen zwei genau gleiche Modelle nebeneinander und warten darauf, verstaut zu werden. Der Besitzer des einen zur Besitzerin des anderen: “Jetzt hätte ich fast Ihren eingepackt! Da steht sicher was Interessanteres drin als in meinem!”. Und er fährt klagend fort, daß er sich immer wieder, so auch heute, frage, was er eigentlich den ganzen Tag in der Bibliothek gemacht habe. Ich verkneife mir den Kommentar, daß sich diese Frage für mich aufgrund meiner vergleichsweise kurzen Anwesenheit glücklicherweise nicht stelle, und bleibe gedanklich bei den Worten “Da steht was Interessanteres” hängen: Erst einmal versuche ich mir vorzustellen, was dies denn sein könnte - an einem Ort, wo jeder fleißig Texte produziert, unter Zuhilfenahme anderer Texte.

Dann aber fällt mir die Formulierung selbst auf: Kann in einem Computer etwas “stehen”? Eigentlich ist das doch dem Text in gedrucker Form vorbehalten. Es scheint geknüpft an die physische Präsenz, Sichtbarkeit. Die Texte in einem Laptop scheinen -zumal, wenn er zugeklappt ist-, auf Abruf zu warten, zu schlafen, zu liegen, eben nicht zu stehen.  

“… es steht geschrieben: … ”: diese Wendung scheint es nur im Deutschen zu geben: “it is written…”, “c’è scritto”….. ”Stehen” hat etwas Festes, (End)Gültiges: “das Angebot steht”; “Standpunkt”.  Vermutlich hat Luther in seiner Bibelübersetzung diese Wendung geprägt - um die Bedeutung und Verbindlichkeit des Textes zu unterstreichen.  ”das Wort sollen sie lassen stahn”. 

In der Tat, der Charakter der meisten Schriften ist von Senkrechten geprägt, stärker, als von Waagrechten-Liegenden.  Bücher als Sammlung von Buchstaben stehen stehen aufrecht im Regal - sind gleichsam präsent, bereit zur Benutzung- während ein Stapel liegender Bücher, die sich gegenseitig beschweren, eine gewisse Passivität ausstrahlt. Und Adorno hatte sein Bedauern für Bücher ausgedrückt, deren Rückentitel nicht aufrecht stehen dürfen, sondern liegen, d.h. dem Rücken folgen müssen. Natürlich ist letzteres auch seinen eigenen Büchern passiert.

Doch zurück zum zu Texten im Laptop: Vielleicht hört sich hier “Stehen” etwas befremdend an, weil es medienhistorisch gesehen aus einer Zeit stammt, als das geschriebene/gedruckte Wort eine andere Art von Dauer hatte. Leichte Veränderbarkeit, Löschbarkeit, Dynamik statt Statik, das sind Kennzeichen von  online-Zeitschriften, blogs, elektronischen Texten.  

Hoffentlich steht was Interessantes drin.