Kürzlich in einer Bibliothek, abends: die Benutzer versammeln sich nach einem langen Tag bei den Schließfächern, um ihre Laptops einzupacken. Zufällig stehen zwei genau gleiche Modelle nebeneinander und warten darauf, verstaut zu werden. Der Besitzer des einen zur Besitzerin des anderen: „Jetzt hätte ich fast Ihren eingepackt! Da steht sicher was Interessanteres drin als in meinem!“. Und er fährt klagend fort, daß er sich immer wieder, so auch heute, frage, was er eigentlich den ganzen Tag in der Bibliothek gemacht habe. Ich verkneife mir den Kommentar, daß sich diese Frage für mich aufgrund meiner vergleichsweise kurzen Anwesenheit glücklicherweise nicht stelle, und bleibe gedanklich bei den Worten „Da steht was Interessanteres“ hängen: Erst einmal versuche ich mir vorzustellen, was dies denn sein könnte – an einem Ort, wo jeder fleißig Texte produziert, unter Zuhilfenahme anderer Texte.

Dann aber fällt mir die Formulierung selbst auf: Kann in einem Computer etwas „stehen“? Eigentlich ist das doch dem Text in gedrucker Form vorbehalten. Es scheint geknüpft an die physische Präsenz, Sichtbarkeit. Die Texte in einem Laptop scheinen -zumal, wenn er zugeklappt ist-, auf Abruf zu warten, zu schlafen, zu liegen, eben nicht zu stehen.  

„… es steht geschrieben: … “: diese Wendung scheint es nur im Deutschen zu geben: „it is written…“, „c’è scritto“….. “Stehen“ hat etwas Festes, (End)Gültiges: „das Angebot steht“; „Standpunkt“.  Vermutlich hat Luther in seiner Bibelübersetzung diese Wendung geprägt – um die Bedeutung und Verbindlichkeit des Textes zu unterstreichen.  “das Wort sollen sie lassen stahn“. 

In der Tat, der Charakter der meisten Schriften ist von Senkrechten geprägt, stärker, als von Waagrechten-Liegenden.  Bücher als Sammlung von Buchstaben stehen stehen aufrecht im Regal – sind gleichsam präsent, bereit zur Benutzung- während ein Stapel liegender Bücher, die sich gegenseitig beschweren, eine gewisse Passivität ausstrahlt. Und Adorno hatte sein Bedauern für Bücher ausgedrückt, deren Rückentitel nicht aufrecht stehen dürfen, sondern liegen, d.h. dem Rücken folgen müssen. Natürlich ist letzteres auch seinen eigenen Büchern passiert.

Doch zurück zum zu Texten im Laptop: Vielleicht hört sich hier „Stehen“ etwas befremdend an, weil es medienhistorisch gesehen aus einer Zeit stammt, als das geschriebene/gedruckte Wort eine andere Art von Dauer hatte. Leichte Veränderbarkeit, Löschbarkeit, Dynamik statt Statik, das sind Kennzeichen von  online-Zeitschriften, blogs, elektronischen Texten.  

Hoffentlich steht was Interessantes drin.