Gefühltes Alter. Ein Beispiel.

Das Alter ist derzeit ja ein allgegenwärtiges Thema: Öffentlich tun die Alten ihre Visionen kund, während die junge Generation damit beschäftigt ist, diese Gedankenfreiheit zu finanzieren. So zumindest eine gängige Interpretation. Es gibt praktisch genormte Altersangaben für Wesentliche Lebensabschnitte: Auf der Ebene zwischen 20 und 30 hat man zwar noch die Wahl, später Teenager oder junger Erwachsener, und entsprechend dieselbe Wahl haben Arbeitgeber, Eltern und sonstige Autoritäten: Man soll im Zweifelsfall alles können, darf aber nichts behaupten oder fordern, man hat auf eigenen Beinen zu stehen, aber im Zweifelsfall vorgezeichnete Wege zu gehen. Danach wird es klarer: spätestens mit 30 die Promotion oder wahlweise die eigene Immobilie, ab 36 ist man als Frau schon spätgebärend, als Mann sollte man es auf irgendeine Art von Sessel geschafft haben, und so weiter…
So suggeriert es zumindest der mediale Mainstream, und die eine oder andere Wahrheit mag darin stecken. In Wirklichkeit ist der Umgang mit dem Alter, mit der Zahl der zurückgelegten und noch zu erwartenden Lebensjahre, wahrscheinlich eine viel individuellere, viel intimere und auch konkretere Angelegenheit.

Vor einigen Tagen starb meine Großtante. Sie war 82 Jahre alt, hatte seit mindestens zwei Jahren Alzheimer und starb nur fünf Wochen nach ihrer Schwester, die kein Alzheimer hatte. Der deutlichste Unterschied war, dass ihre Schwester noch schlucken konnte, während sie selbst zuletzt durch einen Schlauch ernährt wurde. Beide lebten seit Monaten in ihrer jeweils eigenen Welt, die sie in irgendeiner lange vergangenen Zeit verankert hatten. Die eine schaute in den Spiegel, und heraus winkte ihr seit zwanzig Jahren toter Bruder als junger Mann. Sie beschwerte sich bei uns darüber, dass er ständig bei ihrem Fenster hereinschaut, wo sie doch ohnehin schon brav die Alimente für sein uneheliches Kind bezahlt. Familiengeheimnisse liefen aus und waren völlig gegenstandslos. Die Tante hingegen war schätzungsweise fünfundzwanzig Jahre alt, verdiente gut, war ihrem Bruder überlegen und hatte das Leben vor sich.
So etwas macht die Zeit. Die andere Schwester, die ihr Leben lang Köchin war und nun mittels eines Schlauches mit grauem Brei ernährt wurde, war am letzten Weihnachtstag ihres Lebens damit beschäftigt, ein Möbelmarktprospekt säuberlich in Streifen zu reißen. “Heute hab ich viele gelbe Rüben zu schälen”, sagte sie zur Erklärung. Ich schätze, die Tante war in diesem Augenblick dreißig Jahre alt und träumte davon, endlich selbst Küchenchefin zu sein, um solche Aufgaben an die Jüngeren delegieren zu können. Die Aussichten waren gut.
Während sich die beiden in unseren Augen immer mehr auflösten, körperlich buchstäblich verschwanden und zudem ihr ganzes diszipliniertes und mühsames Leben nach und nach gelöscht wurde, während ihre in jahrelanger Arbeit angesparten Häuser verkauft wurden, um die Pflegekosten zu bezahlen, während ich den Nerz, das Statussymbol besserer Tage, in einer Art Leichensack unter mein Bett legte - während dessen suchte jede der beiden sich ein neues Zuhause in einer Zeit, in einer Altersstufe, in der sie ganz besonders sie selbst gewesen waren. Zumindest gefälllt mir der Gedanke, dass es so gewesen sein könnte. Im richtigen Alter.

Seltsam, dass ich selbst mich immer schon ein bisschen wie dreißig gefühlt habe und deswegen ein unsympathischer Teenager war und eine ungeduldige Studentin. Meine allerersten grauen Haare sehe ich jetzt wachsen und sage mir: “Ja, genau”. Vielleicht ist das Leben eine Wellenbewegung, und manchmal ist man ganz man selbst, und dann wieder ist man in der Warteschleife. Der Unterschied ist, dass man als junger Mensch darauf warten oder auch hinarbeiten kann, in etwas hineinzuwachsen, während man als alter Mensch die Fähigkeit braucht, etwas zurückzudrehen, irgendwohin zurückzukehren, zumindest in der eigenen Wahrnehmung. Die Demenz bringt das auf ganz extreme Weise zum Ausdruck, aber vielleicht ist es eine ganz generelle Tendenz. Abgesehen von allen körperlichen Merkmalen, bedeutet der Wechsel zwischen beiden Phasen wohl: Dass man alt wird.

Aber vielleicht werde ich das in 50 Jahren auch anders sehen.

E.T.

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