Ein Gedicht zu schreiben bedeutet stets, die Öffentlichkeit zumindest potenziell als Adressaten einzubeziehen, wenn das Persönliche offengelegt wird. So ist die Poesie per se ohne Obdach. Wie der Obdachlose sich beim Essen und Trinken zusehen lassen muss, wie der fremde Blick auf sein Bett, auf seine bescheidene Habe im Vorübergehen möglich, oft unausweichlich ist, so ist auch die Poesie der urbanen Wirklichkeit ausgesetzt.
Es soll hier nicht die Frage sein, inwiefern man die Wahl hat, zwischen Obdachlosigkeit und geregeltem Tageslauf, zwischen Poesie und anständigem Broterwerb – auch wenn sie, wie man sieht, weitere Parallelen zutage fördern könnte, womöglich sogar ursächliche Zusammenhänge.
Was mich beschäftigt, ist der Gedanke der Subversion. Manchmal begegnet man jener Art von urbanem Landstreicher, der sein Dasein wie eine Selbstverständlichkeit vor sich her trägt, mitunter durchaus demonstrativ. Fast könnte man sagen: Wie einen Beruf. Nein, eben wie das Gegenbild eines Berufes im Sinne geregelter Erwerbstätigkeit. Ist es denkbar, dass man das wählt: Im Winter auf dem kalten Boden zu schlafen, Pfandflaschen aus Mülleimern zu fischen, mit aufgehaltener Hand den Leuten in der Fußgängerzone auf die gut gekleideten Knie schauen?
Dass man das wählt, in bewusster Opposition zur gesellschaftlichen Konvention. Eben als Zeichen dafür, dass es entgegen aller standardisierter Lebensläufe eine Wahl gibt? Mit einem Wort: Kann es sein, dass man so etwas wählt, als bewussten Akt der Subversion?

Ich glaube, dass es denkbar ist. Ich sage denkbar. Ich sage auch, dass es bestimmt nicht viele sind, die das freiwillig tun. Und noch weniger, die es niemals bereuen. Und doch halte ich es für denkbar, unter der Voraussetzung einer Verwandtschaft von Poesie und Obdachlosigkeit. Das Verbindungsglied ist die Subversion.
“Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms”, schrieb Handke 1967. Literatur sei per se unwirklich, mithin unpolitisch – aber ist die Entpolitisierung der Poesie, von der mithin die Rede ist, nicht eigentlich die letztendlich konsequenteste Schlussfolgerung der Subversion?

Der Rückzug in den Elfenbeinturm, der Rückzug aus der Gesellschaft, die Verweigerung jeder ökonomischen Produktivität lassen sich durchaus als Antworten auf den Neoliberalismus einer durch und durch kapitalisierten Welt interpretieren. Eine außerparlamentarische Opposition im Geiste von Schwitters und Jandl lässt sich denken.

Und mindestens eine Frage bleibt: Wie konstruktiv kann eine subversive Poesie denn sein? Ob sie die urbane Wirklichkeit aushöhlen oder erneuern würde, ist nicht vorherzusehen.
Denn – und das unterscheidet sie am deutlichsten von der Obdachlosigkeit – sie ist Utopie.

E.T.