Am 6.6.08 wurde in Augsburg der Kunstpreis „Leonardo“ verliehen. Wer von diesem Kunstpreis noch nie gehört hat, braucht sich seiner Unkenntnis nicht zu schämen, denn der Preis wurde zum erstenmal vergeben, gestiftet von einem Augsburger Unternehmer. Ein Novum also, der Versuch, etwas zu etablieren ‑ in einer Stadt, die nicht unbedingt zu den Zentren zeitgenössischer Kunst gehört. Das Preisgeld sehr hoch: 50 000 €.  Wie gestaltet sich die Verleihung, wie vereinen sich Geld und Stilsicherheit?
Preisverleihungen – man kennt solche Szenarien: Begrüßung, Laudatio auf den/die Preisträger, Vorstellung der prämierten Arbeit, dann die eigentliche Verleihung, Händedruck, Dankesworte, vielleicht etwas Musik, dann Sekt und Häppchen. Beim „Leonardo“ gibt es das alles, aber noch vieles mehr.

 … ein schwarzer Mercedes


Vor dem Augsburger Rathaus steht, wie ein skulpturales Hinweisschild, ein schwarzer Mercedes. Ob da ein Chauffeur wartet, bis sein Dienstherr nach Erfüllung der kurzen Grußpflicht zum nächsten Termin weitereilt? Nein, in diesem präpotent geparkten Fahrzeug kann man niemand sehen, aber an der Windschutzscheibe technische Informationen zum Modell und den Verkaufspreis lesen. Wird es vielleicht anstelle des Kunstpreises verliehen? Was aber, wenn der Preisträger kein Auto möchte? Zweifel kommen auch auf, da der Preis des Fahrzeugs den des Preisgeldes um mehr als das Dreifache übersteigt. Schnell wird klar, daß Mercedes zu den Sponsoren des Preises gehört und nun eine kleine Möglichkeit zur Selbstdarstellung bekommt.

Dergestalt eingestimmt, betritt man das Rathaus. Salon-Musikklänge und Leute in festlicher Abendkleidung kommen entgegen. Im Saal mit seiner hohen, wuchtigen Renaissance-Decke spielt bereits eine Pianistin an einem schwarzglänzenden Flügel, auf der anderen Seite wartet ein Kammerorchester, in der Mitte eine Bühne mit Leinwand. Die Blicke schweifen umher, man sucht nach Bekannten, sucht die Künstler, die am Wettbewerb teilgenommen haben. Der größte Teil des Publikums sind allerdings dunkelgekleidete, meist ältere Damen und Herren. Verstreut, vor allem in den hinteren Reihen sieht man einige jüngere Gesichter, die sich auch durch ihre legerere Kleidung und eine gewisse Unruhe unterscheiden.

Nach etlichen Minuten leichter, träumerischer Klaviermusik geht es los: Fanfarenklänge aus den Lautsprechern, es wurbelt bunt auf der Leinwand, Formen bersten und setzen sich wieder zusammen, ist das die Berlinale oder Cannes? Vielleicht eher ein drittklassiger Schokoriegelspot. Die Bronze-Preisfigur, in Analogie zu der des Oscar gestaltet, wirbelt durch den Weltraum und landet – hier in Augsburg!

Hinter der Leinwand springt eine Gestalt hervor und ruft ihre Begrüßung in den noch anhaltenden triumphalen Schlußakkord. Sie ist die Personifikation guter Laune und Stimmung und vom Bayerischen Rundfunk. Sie ist blond, trägt ein rotes Samtkleid, schulter- rückenfrei und trägerlos, so daß man hinten einige weißliche Streifen erkennt, da, wo die Sonne sonst nicht hinkommt.

 

„In der guten Stube, nein, der besten Stube“


Sie preist den Stifter des Preises und die teilnehmenden Künstler und deren „Kreativität“ – neben der Sonne, die es heute gut mit uns meint und die zum „festlichen Rahmen“ beiträgt wie auch der Ort, die kunstträchtige „gute Stube“ Augsburgs. Der Bürgermeister wird dann von der „guten Stube, nein, der besten Stube“ sprechen. Superlative überall …

Vor der eigentlichen Preisverleihung liegt noch manches: es spricht der Staatsminister, es spielt das Jugendorchester eines renommierten örtlichen Gymnasiums, es spielt gut, getragen, melancholisch, dann rezitieren Schauspieler des Stadttheaters ein lustiges Stück, das die Beziehung abstrakte Malerei – Sammler thematisiert, und in dem das Wort „Scheiße“ ziemlich häufig fällt, dann spielt das Orchester wieder schöne Musik, und die Abendsonne glänzt auf den goldenen Geweihen und Büsten.

Bevor es dann irgendwann zur Preisverleihung kommt - man erkennt die  Absicht der Veranstalter, das ganze weder zu kurz noch zu langweilig zu machen – tritt ein Komödiant auf.  Bei seinem ersten „Intermezzo“, wie in der Einladung angekündigt, zitiert er gängige Künstlerklischees. Als ihm diese ausgehen, rutscht er vollends in vorfabriziertes Kabarett ab, das er noch von der letzten Faschingsveranstaltung parat hat. Seine Auftritte werden durch den Rest des Programms lästigerweise unterbrochen: z.B. Filmchen, welche die Preisträger in der Galerie des Stifters zeigen um sie dann, in bester Show-Tradition, in Realpräsenz auf die Bühne zu bitten, und ihnen wagentürgroße Schecks mit dem Namen der örtlichen Sparkasse zu überreichen. Doch zwischen die drei Preisträger schiebt sich unermüdlich der Komiker. Der Abend wird immer länger, der Applaus immer dünner. Manche halten es nicht mehr aus und verlassen den Saal, blättern den üppigen Katalog der Wettbewerbsbeiträge durch – ganz vorne ein großes Blatt mit den Logos der Sponsoren. Der Katalog ist allerdings auch von den Teilnehmern/Finalisten selbst käuflich zu erwerben. Das Buffet läßt dann keine Wünsche offen. Wenigstens hier spart man sich die Bemerkung, die ansonsten Resümee für die Inszenierung dieser Preisverleihung ist: „Weniger wäre mehr gewesen“. Etwas seltsam, die ganze Veranstaltung …

 

A.C.