„Ich bin krank.“ – „Versteht“ der Arzt diesen Satz eines Kranken, so erkennt er ihn als existierenden Menschen. So steht es in der Rezension zu einer Sammlung von Texten Viktor von Weizsäckers, die gestern in der FAZ erschien:
Weizsäcker, der neben dem Brotberuf Medizin auch Philosophie studierte, bezog sein Selbstverständnis als Arzt aus einer ganzheitlichen Perspektive. Seine „Pathosophie“ beschäftigte sich mit der Frage, wie man den seelischen Zustand des Patienten in die Medizin einbinden könne. Dieser Ansatz blieb nicht allein theoretisch. Bereits in den 30er Jahren leitete er eine Arbeitsgruppe, die eine Reform des Sozialversicherungswesens anstrebte – allerdings wurden diese Bestrebungen schließlich von den Nationalsozialisten unterbunden.
Die Rezensentin Gesine Hindemith resumiert ihr Urteil über Weizsäckers mitunter mehr als 50 Jahre alte Texte zutreffend mit der Bemerkung, es handele sich um ein hochaktuelles Thema:
In unseren Zeiten, da der Ökonomismus das Gesundheitswesen dominiert und Fragen der Rentabilität im Vordergrund stehen, sind Anstöße zu einer grundsätzliche Reflexion über Kranksein und Gesundsein wichtiger denn je.
Jawohl, möchte man sagen, genauso ist es. Mehr davon.
Wenn man nicht gerade selbst erfahren hätte, wie hochgradig abstrakt diese Reflexionen auf die Realität prallen.

Wer im kleinen Krankenhaus am Rande der Stadt schon einmal den Gestank des Leibstuhls gerochen hat, der im improvisierten Dreierzimmer auf der Inneren Abteilung prominent unter dem Fernsehapparat platziert ist, der denkt nicht mehr groß über Pathosophie und Ganzheitlichkeit nach. Wer im akuten Übergangssyndrom nach einer Gehirnblutung keinen Psychiater zu sehen bekommt, sondern mit der drohenden Einweisung in die geschlossene Anstalt ruhig gestellt wird, dem kann die Philosophie gestohlen bleiben.
Vielleicht aber, so könnte man denken, kann man sich als Angehöriger ja zum Anwalt des Patienten machen, ihn „als existierenden Menschen“ ins Gespräch bringen?
Die Stationsschwester wird mit genervtem Gesichtsausdruck sagen: „Der Herr Doktor hatte heute Nachtdienst. Er ist zu keinem Gespräch mehr bereit. Sie hätten früher kommen müssen.“
„Wir sind 200 Kilometer gefahren“, antwortet man vielleicht, und weil es 11 Uhr Vormittags ist: „Früher ging es nicht.“
Wenn die Schwester dann achselzuckend weiter ihrer Wege geht, wird man möglicherweise kindisch, zückt sein Notizbuch und fragt sie zuckersüß nach ihrem Namen, den man sich wichtigtuerisch aufschreibt, obwohl man nicht die geringste Ahnung hat, bei wem man sich beschweren könnte. Man dringt schließlich nicht einmal zum Stations-Assistenzarzt durch.
Aber es funktioniert. Jetzt bekommt die Schwester es mit der Angst zu tun.
„Stellen Sie sich vor seine Tür“, sagt sie und weist in eine dunkle Ecke des Flurs, der durch irgendwelche Bauarbeiten mit schwarzen Folien verhängt und staubig ist, „irgendwann muss er ja heraus kommen. Und wenn Sie Glück haben, spricht er mit Ihnen.“
Natürlich hält man das zuerst für einen Scherz, aber da steht schon ein anderer Mann, der offenbar denselben Tipp bekommen hat. Es dauert eine ganze Weile. Handwerker kommen und gehen, Schwestern bringen Essen, schieben einen Wagen mit leerem Geschirr wieder in die andere Richtung, Patientinnen mit nacktem Hintern verirren sich. Irgendwann geht die Tür auf, und ein blutjunger und tatsächlich übermüdeter Arzt kommt heraus. „Was wollen Sie hier“, sagt er zu dem Mann, „ich habe keine Zeit.“ Der Mann murmelt den Namen einer Frau, seiner Mutter wohl, wie es ihr denn gehe. „Naja“, sagt der Arzt, „für jede Kämpfernatur ist einmal die Zeit gekommen. Schicken Sie ein Gebet zum lieben Herrgott.“ Und stürmt weiter. „Keine Zeit“, sagt er natürlich auch zu uns, aber das Baugerüst kommt uns zu Hilfe, hier ist eine Engstelle auf dem Flur, da lassen wir ihn nicht durch. Der Arzt hat keine andere Wahl. Er fängt also an zu reden. Er erklärt alles verständlich, er kann uns beruhigen, zumindest zum Teil. Was er nicht kann, ist Fragen gezielt beantworten. „Lassen Sie mich bitte ausreden“, sagt man mehrmals, aber auf solche Bitten wird hier nicht reagiert. Das Gespräch – der Arztmonolog – dauert dann doch zwanzig Minuten. Es findet auf dem Flur statt, im Stehen, Bauarbeiter in Hörweite. Zwei Zimmer weiter liegt meine Mutter, weint, verweigert die Nahrung und wird abwechselnd mit geschlossener Anstalt bedroht oder mit der Aussicht auf baldige Entlassung vertröstet. „Bald“, verteidigt der Arzt diese psychologisch brillante Taktik, „ist ja schließlich ein dehnbarer Begriff.“ Dass ihr noch mindestens drei Wochen Reha-Aufenthalt bevorstehen – diese Botschaft zu überbringen, ist jetzt unser Job. Damit endet das Arztgespräch.
Vielen Dank auch. Und man kann nicht einmal wütend sein, denn was kann der dafür, der schiebt wahrscheinlich auch Doppelschichten.

Und daneben nun Weizsäckers Lesebuch, Hindemiths Schlussfolgerungen. Alles richtig, alles theoretisch. Die Praxis aber ist schon viel weiter. Die Verbindung zwischen philosophischem Ansatz und konkretem Handeln, die Weizsäcker wenigstens vor dem Eingreifen der Nationalsozialisten zu praktizieren versuchte – sie ist heute, zumindest für den gemeinen Kassenpatienten, offenbar längst nicht mehr greifbar. Das ist die eigentlich aktuelle Dimension eines solchen Buches.

ET