Ich habe eine blaue Leinenhose, sie ist eines von den Dingen, an denen Gedanken hängen.

Heute vor einem Jahr war es schwül und heiß, schon seit Tagen, und ich war mehrere Tage lang bis spätabends bei offenem Fenster am Schreibtisch gesessen, um ein wichtiges Projekt vorzubereiten. A. war in Italien und baute etwas auf, und irgendwann rief meine Mutter an und wollte mich besuchen. Es passte mir nicht gut, ich hatte wenig Zeit, ich hatte erst in der Woche zuvor einen langen Abend mit E. verbracht und einer Flasche Wein, und ich hatte E. viel darüber erzählt, was es alles nicht gegeben hatte, als ich jünger war, und was zu viel gewesen war und was davon mit meiner Mutter zu tun hatte. Und nun wollte sie mich besuchen, und ich konnte schlecht nein sagen, es war ihr Ge.burtstag.
Ich holte sie am Bahnhof ab und hatte kein Geschenk, und wir gingen einmal die Fußgängerzone hinunter. Sie war langsam, aber es war ja auch heiß. Im Zerwirk aßen wir einen Algensalat und redeten über Süßigkeiten. Ich hatte gerade einmal wieder die zweieinhalb Kilo abgenommen, die ich mir immer zuviel zu wiegen einbilde, und ich passte gut in die blaue Hose. Am Rückweg hat sie sie mir gekauft, und als sie am Hauptbahnhof zurück ins S-Bahn-Geschoß ging, wandte sie sich noch einmal um und sagte: „Danke für den schönen Tag.“ Das war damals kein Satz, mit dem man rechnete, von meiner Mutter.
Am nächsten Tag war die Besprechung meines Projekts, ich saß von morgens bis abends in der Wohnung meines Professors, wir wälzten gemeinsam Bücher, zu Mittag gab es persisches Essen und danach ein Stück schweren dunklen Walnusskuchen. Es ist seltsam, wie genau man manche Dinge behält, und andere vergisst man.
Die Nacht darauf vergaß ich. Als ich am Abend nach Hause kam, rief meine Schwester mich an, denn meine Mutter war ins Krankenhaus gekommen. Knapp vorm Herzinfarkt, hieß es, eventuell. Beobachten, abwarten. Ich solle das Telefon griffbereit behalten. Ich weiß nicht, ob ich geschlafen habe. Ich erinnere mich an den Gedanken: Dass nur bitte das Telefon nicht läuten soll.
Am nächsten Tag ging ich in die Uni und hielt einen Vortrag im Doktorandenkolleg. Das Handy hatte ich ausgeschaltet, und in der Pause schaltete ich es ein. Eine SMS mit dem Wort „Gehirnblutung“, ein Telefonat mit meiner Schwester, auf dem Toilettendeckel im Institut sitzend, und jetzt erst fiel mir auf, dass ich am falschen Ort war.
Dann zwei Stunden Zugfahrt, an die ich mich nicht erinnere, nur an den Moment, als ich ausstieg und meine Schwester anschaute, und dass die Sekunde, bevor sie zu reden anfing, mir lang vorkam.

Als wir sie im Spätsommer nach Hause holten, da stand ich mit der Krankenhaustasche auf der ersten der drei Stufen, die zur Haustür hinaufführen und wartete, bis meine Mutter die Katze fertig gekrault hatte, die sich in der Auffahrt sonnte. Der Nachbar kam vorbei und grüßte, auch schon wieder hier? Ja, sagte ich mit der Hand auf dem warmen Geländer und zeigte auf meine Mutter, die jetzt wieder ihre Hand benutzen kann und sich an alles erinnert, nur Marzipan und Meeresfrüchte mag sie auf einmal nicht mehr.

Am Wochenende besuche ich sie. Ich weiß schon, was ich anziehe.