Weil es für einen Kommentar bei Herrn Schwaner zu lang geworden wäre:

Auch für mich geht die populistische Wahlkampf-Forderung „Mehr netto vom brutto“ am eigentlichen Problem vorbei. Neulich las ich irgendwo, wie viele normale, sozialversicherte Arbeitsverhältnisse in den letzten Jahren sich in Scheinselbständigkeit, Minijobs etc. verwandelt haben.  Ich habe die Zahl verdrängt, weil sie so schwindelnd hoch war, aber das ist doch ein Problem, das man wirklich mal angehen sollte: Leute, die in keiner Arbeitslosenstatistik auftauchen, aber dauerhaft in der Nähe der Armutsgrenze plusminus 200 Euro leben. Danach kann man von mir aus gerne auch die Mittelschicht entlasten, an deren unterem Rand es tatsächlich auch ungemütlich wird.

Was aber diese anscheinend stillschweigend akzeptierten prekären Verhältnisse angeht, so treffen sie aber eben nicht nur die wenig Qualifizierten, „Bildungsfernen“. Auch für 30jährige Akademiker mit hervorragenden Referenzen kann es ganz normal sein, noch nie diese magische Grenze erreicht zu haben, hinter der man dann Steuern zahlen müsste.

Gerade im Bildungs- und Kulturbereich kenne ich inzwischen fast nur noch frustrierte 30jährige, denen gerade im Moment die jahrelang demonstrativ zur Schau gestellte intrinsische Motivation abhanden kommt, weil sie erkennen, dass ihr Beruf eigentlich nur ein teures Hobby ist, das man sich nicht leisten könnte, wenn nicht irgendwo dezent im Hintergrund noch eine solvente Quelle namens „Eltern“ oder „Ehepartner“ wäre. Oder man ein Doppelleben führt. Selbst promovierte Leute müssen sich am Anfang so ziemlich alles gefallen lassen, und dass man z.B. von einem Volontärsgehalt nicht mehr leben kann, ist seit Jahren bekannt. Ein befreundeter Kunsthistoriker, der als Volontär neulich eine eigene Ausstellung kuratierte, traf eines Abends einige der von ihm betreuten Künstler zufällig in einer Bar. Es war die Bar, in der er dreimal die Woche abends hinterm Tresen steht, neben dem Fulltime-Job, neben der Weiterqualifizierung, ohne die ja sowieso nichts läuft.

Die wenigen (und immer weniger werdenden) lukrativen und etablierten Stellen sind derweil fast durchweg besetzt von Leuten zwischen 40 und 50, die oft nur ungenau unterscheiden zwischen „Volontär“ und „Praktikant“, alles die selbe subalterne Suppe, und nach einem, höchstens zwei Jahren sind sie eh wieder verschwunden.

Aber was solls, Kultur ist schließlich nicht systemrelevant. Bestimmt werden bald auch die letzten spärlichen Druckkostenzuschüsse für Dissertationen gestrichen. Hauptsache, wir haben den Quellekatalog.