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Immer wieder merkwürdig, diese Parallelitäten zwischen medialer und tatsächlicher Wahrnehmung.
Heute:  Zu Fuß vorbei an der Ü-Wagen-Armada am Landgericht an der Nymphenburger Straße, noch um sechs Uhr Abends sind etwa zehn Kameras schußbereit auf die Eingangstür gerichtet.

Was all die Bilder nicht verraten werden: Wie muss das sein, wenn sich Überlebende und mutmaßliche, wahrscheinlich auch tatsächliche Schinder nach so langer Zeit dann wieder in einem Raum befinden, so unterschiedliche Wege sich kreuzen an diesem irgendwie merkwürdig zufälligen Ort.

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Mit der neuen Kamera herumexperimentieren. Unterwegs sein.

Was nicht schön ist: Dass es sich in letzter Zeit immer anfühlt wie ein Diebstahl.

 

Kleine Stilblüte vom Arbeitsmarkt für junge Geisteswissenschaftler:

„Erwünscht sind Kenntnisse der Text Encoding Initiative (TEI) und in XSLT. Von Vorteil wäre die Vertrautheit mit den literarischen und wissenschaftlichen Entwicklungen im deutschsprachigen Raum des 17. und 18. Jahrhunderts.
Die Stelle ist vorerst auf 8 Monate befristet. Eine Verlängerung um weitere 3 Jahre ist vorbehaltlich der Anschlussfinanzierung vorgesehen. Die Vergütung erfolgt nach Bat IIa/Ost. Der Arbeitsort ist Berlin.“

Ich mag das: Dinge besichtigen. Ich hab den richtigen Beruf.

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Die Natur ist aber auch ganz schön.

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Ganz komisch fühlt es sich an, einmal mittendrin an einem Montag etwas ganz anderes zu machen. Selbst dann, wenn man gar kein nine-to-five-worker ist und gerade das Wochenende halbwegs durchgearbeitet hat.
Am Montag früh mit all den Pendlern am S-Bahnsteig zu stehen und dann aber stadtauswärts zu fahren, um einen Ausflug in die Natur zu machen, das ist eine gute Voraussetzung für eine alternative Perspektive.

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Es könnte doch, zur selben Zeit, während wir sonst an unserem Schreibtisch sitzen, an unserer nächsten Bewerbung, an einem paper, proposal, cv oder script arbeiten, etwas ganz anderes existieren, so dass sich wenigstens die Frage stellt: Wie leben wir und wie wollen wir leben.

Wenn wir arbeiten, dann tun wir das oft unter sozialen, wirtschaftlichen und/oder inhaltlichen Bedingungen, die wir ablehnen würden, könnten wir über den Dingen stehen, oder zumindest aussprechen, wären wir frei.

Wenn wir einkaufen, dann kaufen wir Pestizide, Kinderarbeit, Lohndrückerei, Monokultur und Ressourcenvergeudung. Oder zumindest die Ahnung davon, dass es so sein könnte.

Wenn wir uns einrichten, dann tun wir es mit dem Blick auf den nächsten Ortswechsel. Kein Möbel zu schwer, kein Umzugskarton vernichtet, und den Spiegel im Bad fest zu installieren, das lohnt doch gar nicht.

Unsere Demokratie ist die Stimme für das geringere Übel. Insgeheim sehnen wir uns nach dem Wandel, dem Umsturz gar, aber das Wort mögen wir nicht denken.

Unser Unbehagen ist dumpf, und es hat keinen Namen, bei dem man es rufen könnte, dass es sich hier unter die Lampe stellte und und uns zeigte, wie mit ihm zu reden ist.

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Und was hat das alles mit dem Grünkohl zu tun, der da so ins Kraut geschossen ist? Der Grünkohl wächst an einem Hang, von dem aus man ins Blaue Land hineinschaut. Er wächst in einem von Reisig umzäunten Garten, an der Hauswand eines Werdenfelser Hofes, der auf den Zustand des 19. Jahrhunderts zurückgebaut ist. An der südseitigen Hauswand, die bis zum Abend noch von der Spätherbstsonne gewärmt ist, da steht eine Bank. Von der Bank aus sieht man das Tal, und den Grünkohl, und kein Auto fährt vorbei.
Man fühlt sich hier wohl, und man fühlt sich unwohl: Es ist alles so kulturpessimistisch, so fortschrittsfeindlich, so Untergang-des-Abendlandes-artig, was man gerade in sich herumträgt. Der Grünkohl ist nicht die Lösung, und auch nicht die hölzerne Bank und nicht das alte Werdenfelser Bauernhaus.

Aber immerhin die Erkenntnis, dass es kein Äquivalent dafür gibt, keins, das sich für heute eignet, dort oben, drüben, jetzt während wir dieses Leben führen, an normalen Montagen und anderen Tagen.

Es ist im Kopf nicht auszuhalten, wenn keine 500 Meter von meiner Wohnung entfernt an einem ganz normalen Samstag Nachmittag ein Ereignis in Gang kommt, an dessen Ende ein Mann seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt.

Noch weniger ist es im Kopf auszuhalten, wie der Mob in den Zeitungskommentaren regelrecht danach geifert, dass es doch bittebitte Muslime oder wenigstens sonst irgendwelche Ausländer gewesen sein sollten, von der übrigen Bürgerwehr-Rhetorik ganz zu schweigen.

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Manchmal denke ich, ich wäre auch gerne eine etwas unförmige Dame mittleren Alters im Leopardenkunstfell. Ich würde dann auch meine zwei weißen Rassepudelchen durch den Park bei der Neuen Pinakothek führen, auf und ab als gäbe es kein Morgen. Das mit dem Ehrgeiz und den Lebenszielen hätte sich längst erledigt, wahrscheinlich würde ich das Geld von meinem früh Dahingeschiedenen oder auch nur Geschiedenen verbrauchen, oder vielleicht hätte ich auch dieses unspektakuläre aber geräumige Mietshaus hinter der Kunstakademie geerbt und wäre also deshalb: unabhängig. Ich würde jeden zweiten Tag in den überteuerten art-deco-Second-Hand und  Möbelläden zwischen Barer- und Amalienstraße hin- und herkreuzen und kleine kitschige Dinge kaufen.
Abends würde ich vor dem Spiegel ein wenig seufzen und dann an das Schächtelchen mit dem Millefoglie-Gebäck vom Kreutzkamm gehen oder an die Pralinen von Elly Seidel. Schließlich könnte ich mir auch die gut geschnittenen und bequemen Sachen von Kandis und Kandismann leisten, oder das eine oder andere Leopardenfell. Die besten Zeiten wären so und so vorbei, und was Prokrastination ist, das wüsste ich nichts, und deswegen hätte ich gar keine Idee davon, wie es dieser jungen, vom Bildungsaufstieg ermüdeten Doktorandin geht, die einen Aufsatz schreiben soll, deren Kopf aber einfach nichts mehr aufnimmt heute, der jedes Geräusch im Lesesaal zu viel ist und die deshalb mit dem aufgeschlagenen Buch auf der Parkbank sitzt und die das schlechte Gewissen vom Nichtstun ebenso auslaugt wie das Lesen von Texten über neoplatonische Geometrie, und die deshalb in Wirklichkeit gar nicht liest, sondern zwei kleinen weißen Hunden hinterherschaut.
So wäre das.

Heute Abend, 18 Uhr an der viel befahrenen Kreuzung Nymphenburger-/Brienner- und Dachauerstraße: Als die Ampel für den Verkehrsfluß stadtauswärts aus der Briennerstraße auf Rot springt, stellen sich drei oder vier Burschen in schwarzen T-Shirts frontal vor den wartenden Autos auf den Fußgängerstreifen und halten ein Transparent hoch: „Für weniger rot csu wählen.“ Ah ja, dann haben wir ja bald wieder Freie Fahrt für Freie Bürger, die Autogerechte Stadt, und nie wieder müssen wir Rücksicht nehmen (oder einfach nur anhalten) für Schwächere und Langsamere (in dem Fall Radfahrer und Fußgänger) oder einfach nur für die, die sich quer zu unserer Richtung bewegen.
Gut, dass sie es nochmal so genau gesagt haben. Kopfloserweise haben wir ein paar Stunden zuvor noch gescherzt, man sollte mal ins nur wenige Meter entfernte Parteilokal „Löwe und Raute“ gehen und ein Zigeunerschnitzel bestellen.
Das war definitiv ein schlechter Witz, denn die meinen es natürlich ernst – auch wenn sie sich dabei unfreiwillig komisch aufführen.

Ich bin laut klingelnd an ihnen vorbeigeradelt, und danach habe ich es bereut: Bestimmt haben sie es als Beifall verstanden.

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Venedig schafft es immer noch, eine Umdrehung zuzulegen: Mehr Kommerz, größere Transparente, höhere Vaporettopreise.  Die großen Kreuzfahrtschiffe durchqueren den Guidecca-Kanal inzwischen praktisch im Zweistundenturnus und zerwühlen die Fundamente der Stadt.

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Kein Wunder also, dass die halbe Piazzetta, die Marciana und zum Kummer aller Japaner auch die Seufzerbrücke fast vollständig eingerüstet sind, weil wieder einmal alles rissig wird. Und während man vor einigen Jahren noch dekorative Canaletto-Ansichten der jeweiligen Orte oder zumindest gut gemachte Architekturprospekte vorblendete, damit das Weichbild der Stadt auch von der Lagune aus intakt blieb,  ist man heute wieder zur hemmungslosen Vermarktung zurückgekehrt. Die Gruppe dort unten zum Beispiel schaut auf einen großen Kran und das bunte Werbeplakat einer teuren Uhrenfirma.

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Aber, wie der Reisebegleiter sagte, als wir im Glockengeschoß des Campanile standen, die Souvenirbude und das Touristenrudel im Rücken,  und hinunterschauten: Alle kulturkritischen Anmerkungen werden jetzt einfach hintangestellt.

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Und dann geht es auch. Letzten Endes alles eine Frage der Perspektive.

How much time lag is it between Italy and here? fragte das amerikanische Mädchen im Nachtzug-“Ruhesessel“ neben mir, als der Zug gerade durch den nächtlich verlassenen Bahnhof von Bad Gastein rollte. Die knappe Stunde Verspätung wird sie verwirrt haben.
Vielleicht aber hatte sie recht, denn als wir in Salzburg ausstiegen, war die Temperatur gegenüber dem Ausgangsort jenseits der Alpen um 15 Grad gefallen, und es graupelte ganz leicht.