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Im Radio sagen sie, Obama fährt heute nach Stockholm, um sich den Friedensnobelpreis abzuholen. Bei der Gelegenheit wird er dann gleich erklären, warum er gerade noch einmal 30.000 Mann nach Afghanistan schickt.
Warum eigentlich hat er nicht einfach gesagt: Leute, ich kann diesen Preis nicht annehmen. Nicht jetzt.
Warum eigentlich hat das Kommittee nicht gesagt: Leute, wir können diesen Preis nicht verleihen, nicht dieses Jahr.
Warum eigentlich geben sie ihn nicht einfach irgendwem, den kein Mensch kennt. Selbst ich bin fest überzeugt, dass es noch gute Leute gibt, die nicht zu schlechten Taten gezwungen sind oder sich gezwungen sehen.
Man kennt sie vielleicht nur nicht. Warum nicht?
Angeschaut habe ich mir „Die Päpstin“ nur wegen der wunderbaren Johanna Wokalek, um die es diesmal wirklich schade war.
Begeistert hat mich John Goodmann, der genau im richtigen Moment, quasi aus dem Hinterhalt, jene halbirre Ich-streich-mir-wirr-durchs-Haar-Geste machte, die ihn sofort, byzaninisierendes Gewand hin oder her, in Mad Man Mundt zurückverwandelte. Und der voll besetzte Cinemaxx-Saal im Berliner Sony Center lachte laut.
Am großartigsten aber war Frankenkönig Lothar mit seiner mit Campino-Bonbons inkrustierten Goldkrone – und sein fassungsloser Gesichtsausdruck, als die goldenen Tore von St. Peter krachend und wie von Geister-, äh, Gotteshand sich schlossen. Es ist nämlich so, dass dieser Schauspieler scheinbar irgendwo hier in meiner Nähe wohnt. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass er schon einmal vor mir im NORMA an der Kasse stand. Unwillkürlich stellte ich mir vor, wie man ihm rational und aufgeklärt den Mechanismus der gläsernen Supermarktschiebetür erklären würde, auf dass er nicht noch einmal ein solches Gesicht machen müsse.
Was natürlich unfair ist, denn jeder weiß, spätestens seitdem, dass dieser König Lothar nicht von einem der schlechtesten Schauspieler gespielt wurde, dass das Gutsein allein aber vermutlich oft nicht so gut bezahlt ist wie das Gutsein in einem schlechten Film. Und vielleicht sogar zu Recht, denn man muss sich einmal überlegen, bei welchen Szenen es wohl schwerer gefallen ist, den der Rolle notwendigen Ernst walten zu lassen.
John Dillingers Charisma besteht leider vor allem darin, dass er von Johnny Depp gespielt wird, und das reicht nicht ganz für einen Film, der im richtigen Moment zu kommen scheint und sich trotzdem auf perfekt gemachte Schusswechselszenen beschränkt.
Die Panzertüren der Banktresore sind nur angeschnitten gezeigtes Bühnenbild, und ein armer Immigrant, dem Dillinger seine Dreidollarfünfzig lässt, wird zum sozialen Alibi.
Dillinger bliebe als Figur die reine Oberfläche, würde Johnny Depp ihm nicht ein wenig etwas von der Melancholie des morbiden „Dead Man“ mitgeben. Das aber sorgt dafür, dass man endgültig nicht versteht, warum er noch und wieder den nächsten Coup plant, scheint er dieses Leben auf der Flucht doch als Bürde zu tragen.
What makes you tick, würde der Gesprächstherapeut diesen Public Enemy vielleicht fragen.
Der Evergreen an Suchbegriffen, mit dem dieses blog gefunden wird, ist seit Monaten schon: „Interpretation Don’t look back in Anger“. Also, liebe Englischlehrer, denkt Euch mal etwas anderes aus.
Heute aber erstmals etwas wirklich Hübsches: „US-amerikanischer Film, in dem Männer am Schluss singen und ertrinken“. Was könnte das denn sein?
Philip Seymour Hoffman gehört zu den Schauspielern, gegen die ich mich lange gesträubt habe. Vor langer Zeit schon sagte der Gefährte, man müsse sich einmal Capote anschauen, unbedingt. Ich sah das Plakat, ich sah Hoffman als Capote und sträubte mich. 90 Minuten lang, mindestens, wird der mir auf die Nerven gehen, dachte ich. Es lebe das Vorurteil.
Dann kam eine Zeit mit vielen guten amerikanischen Filmen, die allesamt einen samtig-traurigen Nachgeschmack hinterließen, und vor allem viel Eindruck:
No country for old men.
Before the devil knows you’re dead.
Die Geschwister Savage.
Und da hatte ich ihn gesehen, und Capote musste her. Danach praktisch in einem Rutsch das Buch gelesen, In cold Blood, das englische Original und mit Hoffmans alias Capotes Stimme und Tonfall im Ohr.
Jetzt ein neuer Film, in dem dieselbe Stimme zentral ist und so ganz anders klingt und trotzdem wieder echt: The Boat that rocked.
Mein Vater war die Generation dieser Jungs, und weil er ein junger Vater war, war der Soundtrack seiner Jugend derjenige meiner Kindheit. Dylan, Cohen, Kinks, Marianne Faithfull. Wenn ein Film mit dieser Musik unterlegt ist, kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Und dann noch Philip Seymour. Gefehlt hat trotzdem zuviel: Von niemanden hat man erfahren, was Musik – diese Musik! – für ihn bedeutet. Die Revolution war leer, geführt gegen einen knallchargierenden Kenneth Branagh als britischen Minister, zu Hause viktorianisch, im Dienst in offiziöser Mies-van-der-Rohe-Modernität. Das Rock boat dagegen eine finstere Höhle, in der Sex, Drugs and Rock n’Roll trotzdem im Grunde nicht besonders weit über die Eskapaden von Notting Hill hinausreichten.
Ach. I know that evening’s empire has returned into sand
vanished from my hands…
Wie gerne hätte man eine Ahnung davon bekommen, was diese Musik bedeutet hat.
Nur gut, dachte man sich am Schluss, dass Philip Seymour alias The Count, schließlich doch nicht ertrunken ist. Man wird ihn noch brauchen können, für bessere Filme.
Das hat man davon, wenn man hier gleich beim Einloggen einfach mal auf den Topblog des Tages klickt. Unversehens liest man dann Sachen wie: Ich glaube, auch Jesus hätte die Bildzeitung gelesen. Und zwar vollkommen ernst gemeint. Nein, auch so etwas hilft nicht bei der Annäherung (s.u.).
Ich glaube, dass Jesus ein ganz normalsterblicher, wenn auch charismatischer Aramäer gewesen ist, der in einer bewegten Zeit ungewöhnliche Ideen hatte. So ähnlich, wie Pasolini ihn dargestellt hat. Wenn er nicht gar die Erfindung eines (oder mehrerer) guter spätantiker Novellisten gewesen ist.
Wie gut, dass die Gedanken frei sind.
Wie Werbung für Marzipan sah der ausführliche Kinotrailer für Breloers „Buddenbrooks“-Verfilmung aus, und einige Besprechungen lassen ebenfalls nichts Gutes vermuten.
Am ersten Weihnachtsfeiertag aber liefen spätabends auf Phoenix noch einmal alle drei Teile der „Manns“, die man einfach immer wieder sehen kann. Wie kann es sein, dass derselbe Regisseur einmal so gekonnt die Stimmung einer Zeit in den Figuren einer Familie nachzeichnet und ein andermal offensichtlich so scheitert? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem Thomas Mann vermutlich kein guter Historiker geworden wäre, aber ein guter Schriftsteller war.
Immerhin, man hat mal wieder das Buch zur Hand genommen und sich gegenseitig daraus vorgelesen, und mit jeder Seite wuchs das Vergnügen dabei. Manches Buch bleibt vielleicht besser einfach ein Buch.

Und es ist auch schön, eine alte, leinengebundene Ausgabe mit Frakturschrift zu besitzen und keine Neuauflage kaufen zu müssen, von dessen Cover am Ende noch Müller-Stahl und Berben auf uns herunterschauen, als wollten sie uns eine Haartönung verkaufen oder eine selbst illustrierte Jubiläumsausgabe des Brockhaus, den es ja auch bald nicht mehr gedruckt geben wird. Da fängt das Bild fast wieder an zu stimmen, aber selbst die Schwanengesänge hatten vor hundert Jahren noch irgendwie mehr Klasse.
…sagte die neunjährige Cousine, während ich mit ihr auf das Christkind wartete, an das sie auch nur noch glaubt, weil sie denkt, wir finden das süß: Komisch, unterm Jahr kommt nie Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga.
Stimmt. Und auch die schönen sozialistischen DEFA-Märchen kommen nur zu Weihnachten: Zack, schließen sich die Kisten mit den Reichtümern, der böse, diamantenhortende Berggeist wird versteinert, und aus dem Bären wird wieder ein schöner Prinz.
Und einmal weitergezappt singt Pippi Langstrumpf hoch und falsch: Faul sein ist wunderschön…Spätestens dann ist klar: Das alles wird nicht für die Kinder gezeigt, die hibbelig auf die Bescherung warten. Denn diese Kinder sind konsumgeile Tyrannen:
Alle in der Klasse haben eine Nintendo Wii, oder sie kriegen noch eine zu Weihnachten. Außer die xy, aber die ist eh so komisch öko. So sprach die Cousine vor wenigen Wochen, und damit war klar, was das einzelne große Paket unter dem Weihnachtsbaum bedeuten würde. Uninteressant alle anderen Kleinigkeiten. Naja, das Twinset von Benetton, das war schon noch ganz nett. Aber die Buntstifte und das Buch über die Entdeckung der Pyramiden sind liegen geblieben.
Die Weihnachtsfeiertage verbrachte das Kind entweder seltsam tänzelnd vor dem Fernseher, Wii-fit, oder Sprachübungen absolvierend, für die auch Stift und Heft genügt hätten. Immer mit der Fernbedienung fest in der kleinen Faust.
Für solche Kinder singt Pippi nicht. Pippi singt für uns, aber nur einen einzigen Tag im Jahr. Mehr davon, und aus Nostalgie würde am Ende noch Anarchie. Vielleicht sind wir die letzten, die noch eine Idee davon haben. Was wird es sein, was in zwanzig Jahren Nostalgie auslöst? …weißt Du noch, damals… als alle von den Konsumgutscheinen geredet haben, kurz vor Weihnachten…?
Gerade gesehen: Let’s make Money von Erwin Wagenhofer.
Das ungute Gefühl, das man irgendwie auch vorher schon hatte, zum Beispiel beim Kauf von fünf T-Shirts zu je 4,99 Euro, es ist jetzt konkret geworden.
Lange sind die Szenen, in denen es sich um die Produktion von Produkten handelt, die wir alle kennen, täglich benutzen, von denen wir jetzt erfahren, wo sie herkommen. Es ist eine gewohnte Ikonographie: was als geniale Idee irgendwann in der Sendung mit der Maus begonnen hat und seit Jahren zum Produktplacement in sogenannten „Wissenssendungen“ verflacht ist, wurde hier endgültig und viel hintergründiger seiner Unschuld beraubt: Man muss sie mitdenken, die Hände, die die Nähte der billigen T-Shirts herstellen, die Verwüstung, die die Baumwoll-Monokultur in ganzen afrikanischen Landstrichen erzeugen, die Kinder, die Schüsseln voller Steine auf ihren Köpfen balancieren.
Und wenn man sie mitdenkt, dann bleibt die Frage, auf die sich alles immer mehr zuspitzt: Wie sollen wir leben, nach solch einem Verlust der Unschuld?
