You are currently browsing the category archive for the 'Fundamentales' category.

es rührt sich was.
Hoffentlich ein bisschen überlegter als im Sommer.

So gut wie nie lese ich die Süddeutsche Zeitung in der gedruckten Ausgabe, in der auch die Todesanzeigen stehen. Praktisch nur dann, wenn sie gerade in einem Café ausliegt, wo ich auf jemanden warte, der sich vielleicht ein wenig verspätet.
So wie heute, in diesem Café gegenüber dem Historicum, in das ich eigentlich selten gehe,  in dem ich aber vor etwa 7 oder 8 Jahren einmal als Studentin im Grundstudium saß, weil eine Geschichtsdozentin ihren Kurs dahin eingeladen hatte, um die Leute ein wenig besser kennen zu lernen. Ich habe mich damals nur ganz selten etwas sagen getraut, die Uni war noch sehr Neuland für mich, aber speziell diese Dozentin hatte eine Art, einen ins Gespräch zu bringen – im Seminar und auch in der Caféhausrunde. Es drehte sich um den Sinn geisteswissenschaftlicher Studien, unter anderem, und sie strahlte einen Idealismus aus, der zugleich völlig bodenständig und unverbohrt war. Ich erinnere mich auch an ihren langen, nach unten immer dünner werdenden grauen Zopf, den sie energisch über die Schulter werfen konnte, an ihre unangepasste und trotzdem weit von jedem Hippie-Klischee entfernte Kleidung, und an ihren von sachtem Dialekt gefärbten Tonfall.
Am Dienstag ist sie gestorben, sie wurde 53 Jahre alt. Ich habe es zufällig gelesen, heute, in diesem, von mir selten besuchten Café, während ich auf zwei Kolleginnen wartete, mit denen ich danach lang und seufzend über die Arbeitsbedingungen im Mittelbau oder darunter redete, wie immer.

Ich bin ja eigentlich eine von den Netten, die sich meistens ehrlich freut, wenn sie eingeladen wird, wenn Menschen sich an sie erinnern und sie im Vorbeigehen grüßen, und ich stelle mir am liebsten vor, dass alle Leute, die mich kennen, nur Angenehmes assoziieren, wenn sie zufällig oder sogar absichtlich an mich denken.
Ich bin aber auch von ausreichend vielen Wassern gewaschen, um zu wissen, dass dem durchaus nicht immer so ist. Die Zahl meiner Freunde – also echten Freunde – ist in Wirklichkeit geradezu erschreckend gering, ohne dass mir das allerdings als Mangel erscheinen würde. Im Gegenteil. Die Geschäfte des Alltags sind so, dass es Mühe genug erfordert, diesen Freundschaften die wohlverdiente und angemessene Pflege angedeihen zu lassen – eine Mühe allerdings, die sich mehr als viele andere Mühen des Lebens auszahlt.
Vielleicht genau deshalb bin ich der allenthalben grassierenden beruflichen Freundschaftlerei völlig abhold. Ein Kollege, den ich duze oder der im selben Fachbereich arbeitet, ist deswegen noch längst nicht mein Freund (was nicht heißt, dass er es nicht werden könnte. Dann aber aus außerberuflichen Gründen).
In dieses Problemfeld gehört m.E. auch das Chefduzen aus Prestigegründen. Mein Chef sagt manchmal „Du“ und manchmal „Sie“ zu mir, und jedem anderen Menschen würde ich, auch bei großem Altersgefälle, das „Du“ vorschlagen. Im Falle des Chefduzens allerdings ist das Machtgefälle dafür zu groß, zumal ich auf das Resultat nicht allzu scharf bin. Auch ein geduzter Chef ist ein Chef, und gerade an seinen schlechten Tagen will ich ihn nicht duzen müssen.
Und weiterhin in dieses Problemfeld gehört Facebook. Zu Facebook kam ich wie die Jungfrau zum Kind, indem eine Kollegin (s.o.) eine „group“ zur Organisation bestimmter Zusammentreffen einrichtete, die man bis jetzt aufgrund der nicht gerade überbordenden Mitgliederzahl stets per Rundmail erledigt hatte. Meine ersten „Freunde“ auf Facebook waren also besagte Kollegen (s.o.). Inzwischen haben sich ca. 20 weitere „Freunde“ angesammelt, was vergleichsweise offenbar sehr wenig ist. Interessanterweise befindet sich nur eine von meinen echten Freunden darunter, die in Israel wohnt und mit der ich inzwischen tatsächlich ganz gerne über FB kommuniziere. Zwei bis drei weitere FB-“Freundinnen“ haben immerhin das Potenzial zu echten Freundinnen, ich kenne sie aber noch nicht so lange. Der Rest sind dann irgendwie so Leute, und zwei meiner „Freunde“ sind sogar völlig unpersönliche Institutionen.
Wer aber trotz der laschen Auslegung des „Freundes“-Begriffs niemals auf meine Liste kommen wird, das sind solche Leute, die mich vor vier oder fünf Jahren mal auf einer Exkursion oder im Erasmus-Jahr oder vielleicht sogar schon in der Schule links liegen lassen haben, weil sie beschlossen haben, im Gegensatz zu mir und ein paar anderen Ungeschmeidigen die Coolen zu sein. Wenn so jemand meinen Namen zufällig über FB ausfindig macht und mir dann doch tatsächlich eine „Freundschaftsanfrage“ schickt, auf dass ich Nummer 338 in seiner natürlich unglaublich internationalen Liste werde, dann bin ich so frei und lasse das einfach unbeantwortet.
Nein, eigentlich muss ich keineswegs immer eine von den Netten sein.

Beweise dafür, dass diese Welt im Allgemeinen eine ungerechte ist, findet man allenthalben und überall. Die Beatles zum Beispiel: Welcher wurde erschossen, und welcher kitscht immer noch fröhlich herum?
Der Gerechtigkeit halber ist aber hinzuzufügen: Auch Paul hat seine Moments of Brillance gehabt, auch wenn uns das nicht unbedingt fröhlicher macht heute:

Ich weiß, dass ich später einmal gar nicht mehr werde nachvollziehen können, was mich so fahrig gemacht hat, und so phasenweise nervös und dann wieder fast depressiv, wenn ich an diese, momentane Zeit zurückdenke.
Ich weiß, dass der Titel meine Wahrnehmung, wer ich bin oder wie das Leben sich so anfühlt, überhaupt nicht verändern wird, sondern nur eine banale und notwendige Qualifikationsstufe ist, im schlechtesten Fall nicht einmal das.
Ich weiß, dass das, was ich geschrieben habe, schon bald irgendwie unscharf wird, und dass es mir völlig merkwürdig vorkommen wird, dass ich heute sogar die Seitenzahlen der Unterkapitel eines 500-seitigen Textes auswendig kann.
Ich weiß, dass ich irgendwann einmal mit selbstironischem Grinsen davon erzählen werde, wie mich die Frage nach korrekten Inventarnummern und Zitierweisen nachts hat wachliegen lassen.

Und trotzdem war mir heute plötzlich ganz schwummrig, als ich im Caféhaus saß, und J. gab mir ein großes Glas Prosecco auf Eis aus, nachdem ich die Arbeit, nun endgültig und echt, zum Drucken und Binden gebracht habe.

Seltsam, welchen Sog so eine Sache, eigentlich eine abstrakte, selbst ausgedachte und definierte Aufgabe, entwickeln kann.
Ein Eigenleben.

IMG_0111

Ganz komisch fühlt es sich an, einmal mittendrin an einem Montag etwas ganz anderes zu machen. Selbst dann, wenn man gar kein nine-to-five-worker ist und gerade das Wochenende halbwegs durchgearbeitet hat.
Am Montag früh mit all den Pendlern am S-Bahnsteig zu stehen und dann aber stadtauswärts zu fahren, um einen Ausflug in die Natur zu machen, das ist eine gute Voraussetzung für eine alternative Perspektive.

IMG_0151

Es könnte doch, zur selben Zeit, während wir sonst an unserem Schreibtisch sitzen, an unserer nächsten Bewerbung, an einem paper, proposal, cv oder script arbeiten, etwas ganz anderes existieren, so dass sich wenigstens die Frage stellt: Wie leben wir und wie wollen wir leben.

Wenn wir arbeiten, dann tun wir das oft unter sozialen, wirtschaftlichen und/oder inhaltlichen Bedingungen, die wir ablehnen würden, könnten wir über den Dingen stehen, oder zumindest aussprechen, wären wir frei.

Wenn wir einkaufen, dann kaufen wir Pestizide, Kinderarbeit, Lohndrückerei, Monokultur und Ressourcenvergeudung. Oder zumindest die Ahnung davon, dass es so sein könnte.

Wenn wir uns einrichten, dann tun wir es mit dem Blick auf den nächsten Ortswechsel. Kein Möbel zu schwer, kein Umzugskarton vernichtet, und den Spiegel im Bad fest zu installieren, das lohnt doch gar nicht.

Unsere Demokratie ist die Stimme für das geringere Übel. Insgeheim sehnen wir uns nach dem Wandel, dem Umsturz gar, aber das Wort mögen wir nicht denken.

Unser Unbehagen ist dumpf, und es hat keinen Namen, bei dem man es rufen könnte, dass es sich hier unter die Lampe stellte und und uns zeigte, wie mit ihm zu reden ist.

IMG_0121
Und was hat das alles mit dem Grünkohl zu tun, der da so ins Kraut geschossen ist? Der Grünkohl wächst an einem Hang, von dem aus man ins Blaue Land hineinschaut. Er wächst in einem von Reisig umzäunten Garten, an der Hauswand eines Werdenfelser Hofes, der auf den Zustand des 19. Jahrhunderts zurückgebaut ist. An der südseitigen Hauswand, die bis zum Abend noch von der Spätherbstsonne gewärmt ist, da steht eine Bank. Von der Bank aus sieht man das Tal, und den Grünkohl, und kein Auto fährt vorbei.
Man fühlt sich hier wohl, und man fühlt sich unwohl: Es ist alles so kulturpessimistisch, so fortschrittsfeindlich, so Untergang-des-Abendlandes-artig, was man gerade in sich herumträgt. Der Grünkohl ist nicht die Lösung, und auch nicht die hölzerne Bank und nicht das alte Werdenfelser Bauernhaus.

Aber immerhin die Erkenntnis, dass es kein Äquivalent dafür gibt, keins, das sich für heute eignet, dort oben, drüben, jetzt während wir dieses Leben führen, an normalen Montagen und anderen Tagen.

Morgens den ersten Schluck Kaffee, ein Blick aus dem Fenster, alles noch so frisch, heute noch nichts vergeben. Und dann los.
Nachmittags um drei dann, kleiner Herbst des Tages. Ach, schon wieder fast einer herum. Verstrickt in das, was zu tun ist, was noch nicht oder halb getan wurde, was morgen und übermorgen getan werden muss, und wo ist es auf einmal hin, dieses erster-Schluck-Kaffee-Gefühl von eben, von damals.

….two kinds of dissertations: Brilliant dissertations and finished dissertations. Danke an A. für das Teilen dieser Weisheit, die sehr hilft, wenn kurz vor knapp noch das große Zaudern kommt.