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Diese Woche besuchte ich wieder einmal eine dieser Vortragsveranstaltungen, die thematisch dem Lehrstuhl nahe stehen, an dem ich promoviere. Der Vortrag war nicht besonders spannend, und beinahe hätte ich gesagt: Ich war neben einer erklecklichen Zahl älterer Herrschaften die einzige Studentin, aber das stimmt ja gar nicht, ich bin nämlich eigentlich fast fertig promoviert. Jedenfalls, die Qualität des Vortrags erlaubte es mir, die Gedanken ein wenig schweifen zu lassen.

Ich besuchte die Veranstaltung sozusagen stellvertretend für meinen Doktorvater, der selbst woanders unabkömmlich war.  Ebenso habe ich auch schon seine Vorlesung gehalten, als er nicht da war. Ich habe auch schon ein Seminar gehalten, ich korrigiere an den Wochenenden Studentenarbeiten und bereite die Aufsätze von Kollegen für die Drucklegung vor. Ich mache all das: gerne. Und ich lerne auch dabei. Trotzdem sind es, vielleicht mit Ausnahme des passiven Zuhörens respektive Nicht-Zuhörens in einem Vortrag, Dienstleistungen in Forschung und Lehre.
Die meisten dieser Tätigkeiten übt man ähnlich einsam aus wie man einen solchen Vortrag besucht: Ich arbeite zu Hause von meinem Schreibtisch aus. Im Institut bin ich ein Besucher. So wie, außer der halben offiziellen Assistentin meines Doktorvaters, alle anderen Promovierenden.

Es ist nämlich so, dass die Universität uns gegenüber keine Verpflichtungen hat. Wir lehren umsonst oder für minimale symbolische Stundensätze – Lehre, für die unsere Studenten aber bezahlen. Wir finanzieren uns, unsere Arbeit und selbst unsere Materialien vom Laptop bis zum Bleistift selbst auf irgendeine externe Art und Weise. Die Glücklichen, zu denen ich nicht immer, aber wenigstens in den letzten zwei Jahren gehörte, haben ein Stipendium, das sie wohlgemerkt oft außeruniversitären Interessen und Verbindungen verdanken. Die weniger Glücklichen sind unterbezahlte Volontäre in staatlichen oder städtischen Kultureinrichtungen, selbständige Lektoren, Hartz-IV-Empfänger oder vielleicht auch Pizzaboten. Manchmal gibt es natürlich auch welche, für die spielt Geld keine Rolle, und dann wird alles noch viel ungerechter.

Jedenfalls überlegte ich mir gestern so, wie viele Synergieeffekte eigentlich dadurch verschenkt werden, dass wir alle so frei flottierende Teilchen in diesem Uni-Kosmos sind. Nur einmal angenommen, ich und noch drei weitere ernsthaft Promovierende an unserem Lehrstuhl hätten: Jeweils zu zweit ein kleines Büro, und eine halbe Tvöd-13-Stelle, und ein kleines aber reguläres Lehrdeputat. Und einen niedrigen, aber doch angemessenen und definierten Status. Wie viel motivierter würden wir für die Universität arbeiten, wie viel ernster genommen würden wir uns fühlen, wie oft würden wir uns einfach so nebenbei unterhalten und uns gegenseitig auf Ideen bringen. Wie viel vielfältiger wäre das Lehrangebot, wie viel einfacher der Kontakt zu den Studenten. Ich bin überzeugt, wir würden viel öfter gemeinsam Vorträge besuchen, und wir würden Studenten mitbringen, denn ein stabiler Mittelbau kann die Studenten binden.

Vier dieser halben Stellen, das würde für vier Leute bedeuten: 1050 Euro pro Monat auf dem Konto. Und Sozialversicherung. Keine überzogene Forderung eigentlich. Es gibt ja genug Lehrstühle, die sind so ausgestattet, und besser. Viele aber auch nicht. Denn brutto würde allein dieses hypothetische Rechenbeispiel die Universität pro Jahr kosten: 80.000 Euro. Und das sind nur die reinen Lohnkosten.

Und genau deswegen ist es ein schlechter Witz, wenn der Präsident unserer Universität 500.000 Euro Anschubfinanzierung für die Verbesserung der Lehre bietet und dann denkt, jetzt muss aber gut sein.
Aber was weiß denn ich schon, ich Orchideenzüchterin.

Ja, wenn die natürlich die Wandvertäfelung kaputtmachen, das geht natürlich gar nicht.

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Mit der neuen Kamera herumexperimentieren. Unterwegs sein.

Was nicht schön ist: Dass es sich in letzter Zeit immer anfühlt wie ein Diebstahl.

 

Ein Livebericht aus dem besetzten Audimax der LMU, über das man weiterhin kaum etwas in der Zeitung liest. Der Raum ist ungefähr so halb gefüllt, wie ich es mir vorgestellt habe, und unten am Pult agiert der „AK Inhalte“, wie man sich einen „AK Inhalte“ agieren vorstellt. Vorschlag Nr. 1, Hände hoch, Hände runter. Verhandelt wird die Gestalt des zu gestaltenden Flyers.
Ein Pedell hinkt ungerührt durch den Raum.

Und wahrscheinlich muss es genau so sein: Nicht smooth, nicht perfekt choreografiert und nicht einmal spannend. Natürlich sind manche Punkte des Positionspapiers überspannt, und manche sind vielleicht auch unnötig. Im Kern aber erleichtert es mich, dass wenigstens etwas in dieser Richtung endlich passiert, zumal ich gerade jetzt und hier merke, wie schnell die Zeit vergeht und uns und die Welt und was wir denken und wahrnehmen ändert.

Im Wintersemester 2000/2001 saß ich hier im selben Audimax und hörte eine Vorlesung über den Deutschen Expressionismus. Es war das Ergebnis eines langen mühsamen Kampfes, um die Hochschulreife, die nicht selbstverständlich war für die Tochter ungebildeter Leute vom Land, geboren 1980, Kampf um dieses eigentlich unbezahlbare und obendrein nutzlose Studium, um meine Entscheidungsfreiheit. Es folgten einige Jahre der Entdeckungen, auf engem Raum aber spektakulär, bevor ich merkte, dass der Kampf nur eine neue Form angenommen hatte.

Heute bin ich Doktorandin und unbezahlte Lehrbeauftragte an derselben Hochschule, wieder einmal kurz vor dem Auslaufen meiner Alimentierung durch eine Stipendienstiftung. Und es wird von vorne losgehen.
Deswegen bin ich heute hier – um zu sehen, dass die ganzen Leute hier, die ich beinahe ganz jovial als „junge Leute“ zu bezeichnen versucht bin, irgendwie jetzt schon anders denken und agieren als ich.
Es ist ein Generationenwechsel im Gange, und ein Wechsel der Menschenbilder.
Wenn es nur ein paar sind, die hier kurz mal innehalten und langsame Abstimmungen veranstalten – es ist besser als nichts, und wenn es gut läuft, wird wenigstens mehr als nichts davon übrig bleiben.
vediamo.

es rührt sich was.
Hoffentlich ein bisschen überlegter als im Sommer.

So gut wie nie lese ich die Süddeutsche Zeitung in der gedruckten Ausgabe, in der auch die Todesanzeigen stehen. Praktisch nur dann, wenn sie gerade in einem Café ausliegt, wo ich auf jemanden warte, der sich vielleicht ein wenig verspätet.
So wie heute, in diesem Café gegenüber dem Historicum, in das ich eigentlich selten gehe,  in dem ich aber vor etwa 7 oder 8 Jahren einmal als Studentin im Grundstudium saß, weil eine Geschichtsdozentin ihren Kurs dahin eingeladen hatte, um die Leute ein wenig besser kennen zu lernen. Ich habe mich damals nur ganz selten etwas sagen getraut, die Uni war noch sehr Neuland für mich, aber speziell diese Dozentin hatte eine Art, einen ins Gespräch zu bringen – im Seminar und auch in der Caféhausrunde. Es drehte sich um den Sinn geisteswissenschaftlicher Studien, unter anderem, und sie strahlte einen Idealismus aus, der zugleich völlig bodenständig und unverbohrt war. Ich erinnere mich auch an ihren langen, nach unten immer dünner werdenden grauen Zopf, den sie energisch über die Schulter werfen konnte, an ihre unangepasste und trotzdem weit von jedem Hippie-Klischee entfernte Kleidung, und an ihren von sachtem Dialekt gefärbten Tonfall.
Am Dienstag ist sie gestorben, sie wurde 53 Jahre alt. Ich habe es zufällig gelesen, heute, in diesem, von mir selten besuchten Café, während ich auf zwei Kolleginnen wartete, mit denen ich danach lang und seufzend über die Arbeitsbedingungen im Mittelbau oder darunter redete, wie immer.

Ich bin ja eigentlich eine von den Netten, die sich meistens ehrlich freut, wenn sie eingeladen wird, wenn Menschen sich an sie erinnern und sie im Vorbeigehen grüßen, und ich stelle mir am liebsten vor, dass alle Leute, die mich kennen, nur Angenehmes assoziieren, wenn sie zufällig oder sogar absichtlich an mich denken.
Ich bin aber auch von ausreichend vielen Wassern gewaschen, um zu wissen, dass dem durchaus nicht immer so ist. Die Zahl meiner Freunde – also echten Freunde – ist in Wirklichkeit geradezu erschreckend gering, ohne dass mir das allerdings als Mangel erscheinen würde. Im Gegenteil. Die Geschäfte des Alltags sind so, dass es Mühe genug erfordert, diesen Freundschaften die wohlverdiente und angemessene Pflege angedeihen zu lassen – eine Mühe allerdings, die sich mehr als viele andere Mühen des Lebens auszahlt.
Vielleicht genau deshalb bin ich der allenthalben grassierenden beruflichen Freundschaftlerei völlig abhold. Ein Kollege, den ich duze oder der im selben Fachbereich arbeitet, ist deswegen noch längst nicht mein Freund (was nicht heißt, dass er es nicht werden könnte. Dann aber aus außerberuflichen Gründen).
In dieses Problemfeld gehört m.E. auch das Chefduzen aus Prestigegründen. Mein Chef sagt manchmal „Du“ und manchmal „Sie“ zu mir, und jedem anderen Menschen würde ich, auch bei großem Altersgefälle, das „Du“ vorschlagen. Im Falle des Chefduzens allerdings ist das Machtgefälle dafür zu groß, zumal ich auf das Resultat nicht allzu scharf bin. Auch ein geduzter Chef ist ein Chef, und gerade an seinen schlechten Tagen will ich ihn nicht duzen müssen.
Und weiterhin in dieses Problemfeld gehört Facebook. Zu Facebook kam ich wie die Jungfrau zum Kind, indem eine Kollegin (s.o.) eine „group“ zur Organisation bestimmter Zusammentreffen einrichtete, die man bis jetzt aufgrund der nicht gerade überbordenden Mitgliederzahl stets per Rundmail erledigt hatte. Meine ersten „Freunde“ auf Facebook waren also besagte Kollegen (s.o.). Inzwischen haben sich ca. 20 weitere „Freunde“ angesammelt, was vergleichsweise offenbar sehr wenig ist. Interessanterweise befindet sich nur eine von meinen echten Freunden darunter, die in Israel wohnt und mit der ich inzwischen tatsächlich ganz gerne über FB kommuniziere. Zwei bis drei weitere FB-“Freundinnen“ haben immerhin das Potenzial zu echten Freundinnen, ich kenne sie aber noch nicht so lange. Der Rest sind dann irgendwie so Leute, und zwei meiner „Freunde“ sind sogar völlig unpersönliche Institutionen.
Wer aber trotz der laschen Auslegung des „Freundes“-Begriffs niemals auf meine Liste kommen wird, das sind solche Leute, die mich vor vier oder fünf Jahren mal auf einer Exkursion oder im Erasmus-Jahr oder vielleicht sogar schon in der Schule links liegen lassen haben, weil sie beschlossen haben, im Gegensatz zu mir und ein paar anderen Ungeschmeidigen die Coolen zu sein. Wenn so jemand meinen Namen zufällig über FB ausfindig macht und mir dann doch tatsächlich eine „Freundschaftsanfrage“ schickt, auf dass ich Nummer 338 in seiner natürlich unglaublich internationalen Liste werde, dann bin ich so frei und lasse das einfach unbeantwortet.
Nein, eigentlich muss ich keineswegs immer eine von den Netten sein.

Beweise dafür, dass diese Welt im Allgemeinen eine ungerechte ist, findet man allenthalben und überall. Die Beatles zum Beispiel: Welcher wurde erschossen, und welcher kitscht immer noch fröhlich herum?
Der Gerechtigkeit halber ist aber hinzuzufügen: Auch Paul hat seine Moments of Brillance gehabt, auch wenn uns das nicht unbedingt fröhlicher macht heute: