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Meine berufliche Konstellation bringt es mit sich, dass ich meistens über die Hauptfeiertage aller drei großen monotheistischen Religionen auf dem Laufenden bin, obwohl ich eigentlich keines der Feste selbst begehe. Eben merke ich, dass ich dieses Jahr aber den Beginn des islamischen Opferfestes Eid a-Adhan glatt verpasst habe. Schade.
Letztes Jahr flog ich genau an diesem Tag von München nach Kairo, Ankunft am frühen aber schon dämmrigen Abend, und weil A. während der Rush Hour mit dem Bus aus Downtown kam, um mich abzuholen, wartete ich ein wenig und freute mich an dem ungewöhnlich unaufgeregten Flughafenbetrieb – es war so, als würde man am Heiligen Abend zur Bescherungsstunde über den Stachus gehen: Ein geheimes Leben der leeren Orte.
Ich hatte Hunger und Lust auf ein großes Koushari, und auf Sesamkringel, und auf einen frisch gepressten Mangosaft, der nicht Smoothie heißt. Reisen ist Essen.
Die nächsten Tage in Kairos Altstadt: Entspannung. Hochbetrieb nur in der Totenstadt. Und festgetreten auf den Straßen mitunter die Innereien und Knochen der Opfertiere, die A. Tage zuvor noch pink besprüht fotografiert hatte. Befremdlich und doch wieder nicht befremdlich. Sind es die Biotonne, der konfektionierte, ausgenommene und in Plastik verschweißte Weihnachtskarpfen oder -truthahn, die den zivilisatorischen Fortschritt ausmachen?
Danach, eine Woche in Alexandria. Zu Fuß einmal auf der Corniche bis zum Fort Quaibay. Aber dahin, wo der Leuchtturm stand, darf man nicht. Zurück zum Souq, gleich hinter den französisch ausgebauten Plätzen und Boulevards. Gekauft: Drei Schals, Papier, Perlen aus Plastik und Perlen aus Glas, getrockneten Hibiskus, und eine Teekanne: Geschenke.
Verlaufen, um eine Ecke biegen und dann ganz unvermittelt, bei milden 25 Grad und Meeresbrise: Tannengrün, Lichterketten, Weihnachtsmänner, Hirschen und Rehe. Goldene, rote und violette Kugeln. „Frohes Fest“ auf Englisch, Französisch, Arabisch. In einem kleinen Laden: Postkarten, Geschenkpapier, Plakate: Muhammads Himmelsreise und die Geburt Christi, direkt nebeneinander, der Frauenkopf des Reittieres des Propheten und das Gesicht Marias: Aus einer Schablone.
Meine Erinnerungen an die deutsche Wiedervereinigung sind unklar, schemenhaft und zum Teil kaum aussprechbar, denn ich war 9 Jahre alt und wuchs irgendwo im südostbayerischen Niemandsland auf, und politisches Bewusstsein war dem Großteil meiner Familie eher fremd.
Da war meine Mutter, die einige Wochen lang, jeden Sonntagabend, am Bügelbrett stehend, seufzte – ob denn nun die Lindenstraße schon wieder verschoben werden müsse wegen „DDR“.
Dann, als es ernst wurde, war da meine Großmutter, damals seit drei Jahren Witwe mit einer angeheirateten ostpreußischen, vulgo polnischen Verwandtschaft und einigen ostdeutschen Verzweigungen, mit denen außer einem höflichen Postkartenaustausch anlässlich der Vermählung im Jahr 1948 niemals irgendein Kontakt bestanden hatte. „Hoffentlich kommen die jetzt nicht alle zu uns“, befürchtete meine Großmutter.
Natürlich kam niemand. Es dauerte noch ein gutes Jährchen, bis selbst in meiner provinziellen Schulklasse die ersten Kinder mit sächsischem Akzent auftauchten, die tatsächlich so etwas wie Exotenstatus hatten, zumal, weil sie nicht katholisch waren – am Ende sogar überhaupt nicht religiös. Das sprengte damals unseren Vorstellungsrahmen.
Ich meine übrigens, mich an die Fernsehbilder zu erinnern, von den ersten DDR-Bürgern, die damals über die Bornholmer Brücke gingen.
Als wir neulich in Berlin waren, logierten wir bei einer aus Schwerin stammenden Freundin des A., sie ist einige Jahre älter als ich und wohnt in Pankow. Auf dem Weg zu ihr verfuhren wir uns kurz und kamen an der Bornholmer Brücke vorbei, wo ich bei vorherigen Berlinbesuchen nie gewesen bin. Auch bin ich noch nie die Friedrichstraße von Kreuzberg aus bis hoch Unter die Linden am früheren Checkpoint Charlie vorbei gegangen – auch dies hat sich diesmal zufällig ergeben.
Mehr Eindruck als diese topographischen Spuren aber hinterließ das Gespräch mit der Schweriner Pankowerin, die interessanterweise eine recht aktive Evangelische ist. Nun ist aus mir längst eine sehr unkatholische Arbeitertochter vom Land geworden. Die marianische Indoktrination der Jugendjahre, die irrationalen Rituale, der rigide und lebensfeindliche Konservatismus, das hat sich irgendwann in den letzten zehn Jahren endgültig nicht mehr vertragen mit einem wachsenden politischen und kulturellen Bewusstsein, mit der geisteswissenschaftlichen Ausbildung, letzten Endes mit einer rationalen Weltbetrachtung. Trachtenumzüge wie das letztwöchige Allerheiligenbrimborium meiner Mutter mitmachen zu müssen, versetzt mich in guten Tagen in heitere, an schlechten in aggressive Laune.
Nun erzählte mir die Schweriner Pankowerin aber recht plastisch davon, wie eng Kirche, Opposition und die Vorstellung eines freieren und menschlicheren Lebens in der späten DDR miteinander verbunden waren – und wie identitätsstiftend das kirchliche Engagement in dieser Zeit gewesen ist. Das ist eine Perspektive, die auch in den Geschichtsbüchern durchaus vorkommt, aber ich habe es nie aus erster Hand und so überzeugend gehört.
Ihr Blick auf Religion und Kirche und meiner verglichen – das ist ein gutes Beispiel dafür, in welch fundamental unterschiedlichen Welten wir aufgewachsen sind – Welten, von denen sonst normalerweise kaum mehr die Rede ist.
Das mit dem Glauben an Gott allerdings, das ist für mich immer noch nicht plausibler geworden.
Lange Zeit war ich ja kein besonderer Freund von Bananen, und in meiner Kindheit waren die gelben Früchte auch nicht unbedingt ein klassisches Ausflugsobst. Eher Äpfel und Birnen.
Vor sechs Jahren verbrachte ich einen warmen Herbst und kalten Winter in Venedig, und als ich mit L. an einem spätsommerlichen Septembertag die Sammlung Peggy Guggenheims besichtigt hatte, da traten wir rückseitig aus dem schicken Museumsshop hinaus, standen vor einem Alimentari und kauften uns Bananen. Seitdem mag ich Bananen.
(Heute gab es zum ersten Frühstück eine Banane.)
Ich mag das: Dinge besichtigen. Ich hab den richtigen Beruf.

Die Natur ist aber auch ganz schön.


Ganz komisch fühlt es sich an, einmal mittendrin an einem Montag etwas ganz anderes zu machen. Selbst dann, wenn man gar kein nine-to-five-worker ist und gerade das Wochenende halbwegs durchgearbeitet hat.
Am Montag früh mit all den Pendlern am S-Bahnsteig zu stehen und dann aber stadtauswärts zu fahren, um einen Ausflug in die Natur zu machen, das ist eine gute Voraussetzung für eine alternative Perspektive.

Es könnte doch, zur selben Zeit, während wir sonst an unserem Schreibtisch sitzen, an unserer nächsten Bewerbung, an einem paper, proposal, cv oder script arbeiten, etwas ganz anderes existieren, so dass sich wenigstens die Frage stellt: Wie leben wir und wie wollen wir leben.
Wenn wir arbeiten, dann tun wir das oft unter sozialen, wirtschaftlichen und/oder inhaltlichen Bedingungen, die wir ablehnen würden, könnten wir über den Dingen stehen, oder zumindest aussprechen, wären wir frei.
Wenn wir einkaufen, dann kaufen wir Pestizide, Kinderarbeit, Lohndrückerei, Monokultur und Ressourcenvergeudung. Oder zumindest die Ahnung davon, dass es so sein könnte.
Wenn wir uns einrichten, dann tun wir es mit dem Blick auf den nächsten Ortswechsel. Kein Möbel zu schwer, kein Umzugskarton vernichtet, und den Spiegel im Bad fest zu installieren, das lohnt doch gar nicht.
Unsere Demokratie ist die Stimme für das geringere Übel. Insgeheim sehnen wir uns nach dem Wandel, dem Umsturz gar, aber das Wort mögen wir nicht denken.
Unser Unbehagen ist dumpf, und es hat keinen Namen, bei dem man es rufen könnte, dass es sich hier unter die Lampe stellte und und uns zeigte, wie mit ihm zu reden ist.

Und was hat das alles mit dem Grünkohl zu tun, der da so ins Kraut geschossen ist? Der Grünkohl wächst an einem Hang, von dem aus man ins Blaue Land hineinschaut. Er wächst in einem von Reisig umzäunten Garten, an der Hauswand eines Werdenfelser Hofes, der auf den Zustand des 19. Jahrhunderts zurückgebaut ist. An der südseitigen Hauswand, die bis zum Abend noch von der Spätherbstsonne gewärmt ist, da steht eine Bank. Von der Bank aus sieht man das Tal, und den Grünkohl, und kein Auto fährt vorbei.
Man fühlt sich hier wohl, und man fühlt sich unwohl: Es ist alles so kulturpessimistisch, so fortschrittsfeindlich, so Untergang-des-Abendlandes-artig, was man gerade in sich herumträgt. Der Grünkohl ist nicht die Lösung, und auch nicht die hölzerne Bank und nicht das alte Werdenfelser Bauernhaus.
Aber immerhin die Erkenntnis, dass es kein Äquivalent dafür gibt, keins, das sich für heute eignet, dort oben, drüben, jetzt während wir dieses Leben führen, an normalen Montagen und anderen Tagen.
Weniger Kunst, weniger Menschen, weniger Interferenzen. Runder als die zuvor und die anderen zwei zuvor.

Absolut empfehlenswert. Nur den Shuttle zum Arsenale Novissimo kann man sich sparen, und stattdessen lieber zur Scuola Grande della Misericordia gehen.

Venedig schafft es immer noch, eine Umdrehung zuzulegen: Mehr Kommerz, größere Transparente, höhere Vaporettopreise. Die großen Kreuzfahrtschiffe durchqueren den Guidecca-Kanal inzwischen praktisch im Zweistundenturnus und zerwühlen die Fundamente der Stadt.

Kein Wunder also, dass die halbe Piazzetta, die Marciana und zum Kummer aller Japaner auch die Seufzerbrücke fast vollständig eingerüstet sind, weil wieder einmal alles rissig wird. Und während man vor einigen Jahren noch dekorative Canaletto-Ansichten der jeweiligen Orte oder zumindest gut gemachte Architekturprospekte vorblendete, damit das Weichbild der Stadt auch von der Lagune aus intakt blieb, ist man heute wieder zur hemmungslosen Vermarktung zurückgekehrt. Die Gruppe dort unten zum Beispiel schaut auf einen großen Kran und das bunte Werbeplakat einer teuren Uhrenfirma.

Aber, wie der Reisebegleiter sagte, als wir im Glockengeschoß des Campanile standen, die Souvenirbude und das Touristenrudel im Rücken, und hinunterschauten: Alle kulturkritischen Anmerkungen werden jetzt einfach hintangestellt.

Und dann geht es auch. Letzten Endes alles eine Frage der Perspektive.
É gia un po’ di ferragosto in città, sage ich zu dem dicken Rezeptionisten in Vicenza.

Ma no, winkt er ab, während er auf seinem cellulare herumtippt, Vicenza é sempre cosí.

Die Kirchen sind ohne Bilder, dafür erklärt die Pinacoteca dem Besucher in Blindenschrift, was die drittklassige Schöne auf dem schwer gefirnissten Stilleben mit den Trauben macht, und ein einsamer Memling steht verkannt in einem Durchgang.

Die Mücken sind böse, der Abend kommt früh, aber die Steigung ist leicht zu nehmen und die Nacht: lau.

Hier bin ich ein Jahr älter geworden.
Mir hat’s gefallen.
How much time lag is it between Italy and here? fragte das amerikanische Mädchen im Nachtzug-“Ruhesessel“ neben mir, als der Zug gerade durch den nächtlich verlassenen Bahnhof von Bad Gastein rollte. Die knappe Stunde Verspätung wird sie verwirrt haben.
Vielleicht aber hatte sie recht, denn als wir in Salzburg ausstiegen, war die Temperatur gegenüber dem Ausgangsort jenseits der Alpen um 15 Grad gefallen, und es graupelte ganz leicht.


