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Ich erinnere mich an die paar Kurse in Kommunikationswissenschaft, die ich damals belegt habe, weil der NC so hoch war und ich wegen meiner super Abinoten dachte, ich könne doch nicht nur studieren, was mich interessiert, wo aber jeder hinein darf – ich müsse auch ein bisschen Elite, auch wenn es damals noch nicht so hieß.
Den Irrtum habe ich schnell erkannt, aber an ein paar Sachen erinnere ich mich trotzdem noch. Zum Beispiel, dass ich spiegellesendes Landei doch erstaunt war ob des Prinzips der Opinion Leadership und des Peer-Group-Agenda-Setting.
Ein ähnliches Gefühl stellt sich jetzt ein, wenn ich bei „Google News“ versuche, etwas über die Hörsaalbesetzung in Münster zu erfahren. Entweder, sie ist wirklich unwichtig, oder sie wird unwichtig gemacht. Hm.

Statt

„Ich war jung und brauchte das Geld“

wird es bei uns später einmal heißen:

„Ich war nicht mehr ganz jung und brauchte das Zeugnis“,

wenn wir uns an sinnlose, langweilige oder sonst irgendwie absurde Tätigkeiten zurückerinnern.

Ich bin ja eigentlich eine von den Netten, die sich meistens ehrlich freut, wenn sie eingeladen wird, wenn Menschen sich an sie erinnern und sie im Vorbeigehen grüßen, und ich stelle mir am liebsten vor, dass alle Leute, die mich kennen, nur Angenehmes assoziieren, wenn sie zufällig oder sogar absichtlich an mich denken.
Ich bin aber auch von ausreichend vielen Wassern gewaschen, um zu wissen, dass dem durchaus nicht immer so ist. Die Zahl meiner Freunde – also echten Freunde – ist in Wirklichkeit geradezu erschreckend gering, ohne dass mir das allerdings als Mangel erscheinen würde. Im Gegenteil. Die Geschäfte des Alltags sind so, dass es Mühe genug erfordert, diesen Freundschaften die wohlverdiente und angemessene Pflege angedeihen zu lassen – eine Mühe allerdings, die sich mehr als viele andere Mühen des Lebens auszahlt.
Vielleicht genau deshalb bin ich der allenthalben grassierenden beruflichen Freundschaftlerei völlig abhold. Ein Kollege, den ich duze oder der im selben Fachbereich arbeitet, ist deswegen noch längst nicht mein Freund (was nicht heißt, dass er es nicht werden könnte. Dann aber aus außerberuflichen Gründen).
In dieses Problemfeld gehört m.E. auch das Chefduzen aus Prestigegründen. Mein Chef sagt manchmal „Du“ und manchmal „Sie“ zu mir, und jedem anderen Menschen würde ich, auch bei großem Altersgefälle, das „Du“ vorschlagen. Im Falle des Chefduzens allerdings ist das Machtgefälle dafür zu groß, zumal ich auf das Resultat nicht allzu scharf bin. Auch ein geduzter Chef ist ein Chef, und gerade an seinen schlechten Tagen will ich ihn nicht duzen müssen.
Und weiterhin in dieses Problemfeld gehört Facebook. Zu Facebook kam ich wie die Jungfrau zum Kind, indem eine Kollegin (s.o.) eine „group“ zur Organisation bestimmter Zusammentreffen einrichtete, die man bis jetzt aufgrund der nicht gerade überbordenden Mitgliederzahl stets per Rundmail erledigt hatte. Meine ersten „Freunde“ auf Facebook waren also besagte Kollegen (s.o.). Inzwischen haben sich ca. 20 weitere „Freunde“ angesammelt, was vergleichsweise offenbar sehr wenig ist. Interessanterweise befindet sich nur eine von meinen echten Freunden darunter, die in Israel wohnt und mit der ich inzwischen tatsächlich ganz gerne über FB kommuniziere. Zwei bis drei weitere FB-“Freundinnen“ haben immerhin das Potenzial zu echten Freundinnen, ich kenne sie aber noch nicht so lange. Der Rest sind dann irgendwie so Leute, und zwei meiner „Freunde“ sind sogar völlig unpersönliche Institutionen.
Wer aber trotz der laschen Auslegung des „Freundes“-Begriffs niemals auf meine Liste kommen wird, das sind solche Leute, die mich vor vier oder fünf Jahren mal auf einer Exkursion oder im Erasmus-Jahr oder vielleicht sogar schon in der Schule links liegen lassen haben, weil sie beschlossen haben, im Gegensatz zu mir und ein paar anderen Ungeschmeidigen die Coolen zu sein. Wenn so jemand meinen Namen zufällig über FB ausfindig macht und mir dann doch tatsächlich eine „Freundschaftsanfrage“ schickt, auf dass ich Nummer 338 in seiner natürlich unglaublich internationalen Liste werde, dann bin ich so frei und lasse das einfach unbeantwortet.
Nein, eigentlich muss ich keineswegs immer eine von den Netten sein.

Und dann war da noch dieser Nachwuchsschriftsteller, Kategorie beinahe vierzig, Kleinstverlag, einmal erfolglos in Klagenfurt gelesen, jetzt eigener Blog mit Befindlichkeitsprosalyrikaphoristik, den ich neulich einmal zufällig traf, bei einer dieser Gelegenheiten, wo man rumsteht, rucolagefüllte Röllchen isst und versucht, sich an irgend welche Grüppchen ranzustellen, von denen man wenigstens die eine oder andere Person schon mal gesehen hat.

Die Freundin des Nachwuchsschriftstellers ist sehr nett und interessant.
Der Nachwuchsschriftsteller selbst hat die Angewohnheit, im Gespräch immer näher an Menschen heranzurücken. Er sieht gut aus und riecht keineswegs komisch, aber trotzdem unterschreitet er die normalerweise gebotene Distanz stets um mindestens 20 cm.
Er schafft es auch, sich im Gespräch immer weiter vor andere Personen zu schieben, bis sie aus dem Kreis gedrängt sind. Wenn diese Personen sich dann abwenden und gehen, merkt er es nicht. Er spricht sehr viel von sich, lässt andere selten aussprechen und schafft es, in den ersten drei Minuten der Bekanntschaft gefühlte 27 Preisverleihungen zu erwähnen, bei denen er gerühmt wurde, 18 Institutionen, mit denen er es zu tun hat und natürlich 378 vermeintliche oder tatsächliche Größen des hiesigen und sogar überregionalen Kulturbetriebs. Und dies auf einer Veranstaltung, auf der eigentlich andere Leute die Preisträger sind.

Der Nachwuchsschriftsteller macht anscheinend auch irgendwie journalistisch im Kulturbetrieb, kommt aber nicht auf die Idee, dass andere Anwesende auch in diesem Bereich unterwegs sein könnten. Und so kommt die Rede auf jenen chinesischen Künstler, von dem momentan ohnehin die ganze Stadt spricht, und auf die kürzlich erfolgte Eröffnung von dessen großer Schau, in diesem noch größeren, coolen Museum. Der chinesische Künstler sei ja doch überbewertet, und die ganze Sache eine riesige Inszenierung. Der chinesische Künstler habe auf der Pressekonferenz ja seine eigenen Sachen nicht ordentlich kommentieren können. Und überhaupt.
Auf meinen Einwand, dass der chinesische Künstler immerhin sein Leben riskiere, um sich mit seiner Kunst gegen die dramatische Lage in seinem Land einzusetzen, und dass deswegen, endlich einmal, dieser ganze Bohei des Kunstbetriebs, den man in der Tat nicht immer sympathisch finden müsse, vielleicht um den richtigen gemacht werde, wurde, halb ausformuliert, umgehend erwidert: China werde ja trotzdem auf der Buchmesse hofiert und so. Als ob das die Schuld des chinesischen Künstlers sei, klang es. Auch der Einwand, dass der chinesische Künstler als Chinese vielleicht einfach anders kommuniziere und generell sehr verschlossen sei, wurde gekontert mit dem Hinweis, dass im Gegenteil die ganze Ausstellung doch ein Zeichen des kulturellen Imperialismus sei.

Nun saß ich vor zwei Wochen, wie der Zufall es so will, neben dem chinesischen Künstler beim Mittagessen. Ich sprach nicht mit ihm, denn es waren viele Leute da und ich darunter bei weitem nicht der Wichtigste; und tatsächlich ist er ein stiller, des Kommentierens eher abholder Typ. Ich sah aber die lange, noch gerötete Narbe an seinem Kopf, denn erst kürzlich wurde ihm ein lebensgefährliches Blutgerinnsel aus dem Kopf operiert, das ihm in seinem Land auf gewaltvolle Weise zugefügt wurde, weil er die Wahrheit zu sagen vorhatte.
Das Essen, das der vom chinesischen Künstler mitgebrachte Koch zubereitet hatte, schmeckte mir übrigens nicht besonders, es war mir einfach zu ungewohnt. Natürlich sagte ich das nicht, aber ich lobte es auch nicht über Maßen. Ich sah aber den chinesischen Künstler, und ich sah seine Arbeit und erfuhr sehr viel über so altmodische und unhippe Dinge wie Ungerechtigkeit, und über Mut.

All das zu kommentieren aber sah ich mich nicht in der Lage, während der Nachwuchsschriftsteller mich mit kleinen Schritten gegen die Kante des Buffets abdrängte.

Das gehört vielleicht auch in die von Frau Ansku so originell bestückte Rubrik Unnützes Wissen, aber manchmal ist es schon merkwürdig, wie sich plötzlich zwei ganz unterschiedliche historische Perspektiven zusammenschieben und Dinge, die man eigentlich, getrennt an unterschiedlichen Orten des Gedächtnisses schon immer irgendwie wußte, an einem tatsächlichen Ort zusammenfallen:
Zum Beispiel, dass das Hotel Beau Rivage in Genf Schauplatz des Todes  von Uwe Barschel und außerdem auch von Kaiserin Elisabeth von Österreich war.

Die Kaltmamsell verlinkte einen interessanten Blogeintrag – und erntete recht vielsagende Reaktionen, die auch mich mit dem Finger schnipsen lassen:
Auch ich dachte an meine türkischen KollegInnen (im akademischen Bereich) und die Tatsache, dass ich über deren Türkischsein überhaupt nicht mehr nachdenke. Außer einmal, als ich eine mir noch persönlich unbekannte Türkin per mail wegen ihres Vornamens spontan mit „Lieber Herr xy…“ ansprach. Ein Zeichen MEINER interkulturellen Inkompetenz, über das wir später trotzdem gemeinsam herzlich lachen konnten. Ich glaube, dass die Grenzziehungen, die in der gegenwärtigen Diskussion vorgenommen werden, irreführend sind: Ja, es gibt Probleme der Integration, die können aber m.E. in vielen Fällen bereits Folge der Ausgrenzung sein. (Bedingt es nicht vielleicht einander: Das Fluchtverhalten der „Deutschen“ auf dem Spielplatz oder das sozial unverträgliche Verhalten der „Türken“?) Ich denke aber, letzten Endes verlaufen die Grenzen zwischen Bildungsmiliieus, nicht zwischen Ethnien. Es soll auch deutsche Kinder geben, die bei der Einschulung nicht sprechen können. Und, nein: das sind in jedem Fall nicht die, auf die man verbal einprügeln sollte, von wegen sie würden nicht zum Gedeihen der Gesellschaft beitragen.

P.S.: Und dem Herrn S. würde ich gerne mal eine mögliche etymologische Herleitung seines Nachnamens zukommen lassen – aber wie ich eben sehe, ist da schon jemand vor mir drauf gekommen.

Ein wenig erleichtert, ein wenig verstört und ein wenig erschöpft macht mich die Tatsache, dass alles gleich so schnell Fahrt aufnimmt.

Noch ist es keine Woche, dass ich die Arbeit abgegeben habe, da ist schon die erste Bewerbung, mit Arbeitsplan und pipapo so gut wie fertig, und die zweite, die sollte es eigentlich auch schon sein, denn da ist die Deadline noch vierzehn Tage früher.

Das ist weitaus besser, als irgendwelche Schüsse in die große beschäftigungslose Leere zu veranstalten.
Aber würde die erste, die wahrscheinlichere Möglichkeit, tatsächlich funktionieren, dann würde ich sehr bald umziehen müssen. So bald, dass ich am besten schon vor einem Monat die hiesige Wohnung gekündigt hätte und mich auf die Suche gemacht nach einer neuen Bleibe in B., der großen kalten Stadt, der ich nicht ganz traue.

Andererseits treffen erfahrungsgemäß die Dinge, mit denen man am wahrscheinlichsten rechnet, am seltensten ein. Mein hochspezialisiertes Netzwerk ist nicht schlecht, für diese Bewerbung – doch das heißt nicht, dass irgendjemand anders nicht noch ein besseres hat oder zumindest an einer günstigeren Verknüpfung des selben Netzwerks sitzt.

Im Übrigen kreisen all diese Gedanken um eine Tätigkeit, über deren Entlohnung und soziale Absicherung bislang nur spekuliert werden kann – das Spektrum der Möglichkeiten reicht von einer annähernden Verdoppelung meines momentanen Einkommenrahmens bis hin zur sozialversicherungsfreien Verschlechterung auf knapp über Existenzminimum.
Im Fall der zweiten Bewerbung stellt sich diese Frage nicht: Auf anderen Kontinenten ist es scheinbar üblich, gleich klipp und klar zu sagen, was es gibt und was nicht. Was es gäbe, wäre nicht schlecht, aber von noch begrenzterer Dauer als alle anderen Optionen, und überdies etwa 10.000 Kilometer entfernt von hier.

Beide Optionen wären überdies höchst lohnenswerte Investitionen in meinen bereits jetzt erschreckend langen Lebenslauf, wenn auch – wie üblich – mit hohen sozialen Opportunitätskosten verbunden, worüber man selbstverständlich nicht spricht.

Und jenseits würde warten: die Supermarktkasse, das verzweifelte Freiberuflertum, oder die unsichtbare Sklaverei, irgendwo in der Welt der Rich & Famous.

So ist der Stand der Dinge.

Lange Zeit war ich ja kein besonderer Freund von Bananen, und in meiner Kindheit waren die gelben Früchte auch nicht unbedingt ein klassisches Ausflugsobst. Eher Äpfel und Birnen.
Vor sechs Jahren verbrachte ich einen warmen Herbst und kalten Winter in Venedig, und als ich mit L. an einem spätsommerlichen Septembertag die Sammlung Peggy Guggenheims besichtigt hatte, da traten wir rückseitig aus dem schicken Museumsshop hinaus, standen vor einem Alimentari und kauften uns Bananen. Seitdem mag ich Bananen.
(Heute gab es zum ersten Frühstück eine Banane.)

Aus der Reihe sinnvolles Prokrastinieren:
Was macht man, wenn man es einfach nicht schafft, das jahrelang gewachsene Dickicht auf dem Schreibtisch (und im Kopf) wegzuräumen, während aber die Deadline für den nächsten Projektvorschlag im Nacken sitzt?
Ja, genau: Man räumt das ganze Zimmer um. Bei all dem Staub, der dann aufgewirbelt und notwendigerweise weggeputzt wird, fällt das Verräumen der alten Zettel- und Quellensammlungen auch nicht mehr weiter ins Gewicht.
Und so bald der Schreibtisch an einem anderen Platz steht, läuft auf einmal alles viel leichter.