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Heute war Ivar ein wenig krank. Kopfschmerzen und Übelkeitsanflüge, ausgeprägt genug, um nicht am Schreibtisch zu sitzen. Aber nicht schlimm genug, um sich nicht mit dem kleinen Laptop ins Bett zu verkriechen und unnütze Dinge zu machen, für die man ja sonst nie im Leben Zeit hätte. Kopfschmerzen und Übelkeit sind besser als das schlechte Gewissen, das ich sonst bei dieser Art von Prokrastination hätte. Zum Beispiel den B2-Radiofeuilleton anhören und sich der eigenen Zweisprachigkeit freuen, weil man die 80jährige Leichenfrau aus dem hintersten Bayernwinkel mühelos versteht: Der Tod muss ein Bayer sein.
Vermutlich ist es die dialektale Färbung, gemischt mit dem morbiden Thema, das längst verloren geglaubte Erinnerungen wachruft:
Die Brieffreundin, die ich mit 12 oder 13 einmal in der kleinen mittelalterlichen Stadt B. hatte, und die, als ich in Vorbereitung eines Besuches nach ihrer Telefonnummer fragte, die lakonische Warnung in Klammern setzte: „Nicht erschrecken – Friedhof hat die selbe Nummer“.
Der Friedhof hatte, wie sich herausstellte, auch dieselbe Adresse, aber eine hohe Mauer trennte ihn vom Wohnhaus. Wir aßen Apfelkuchen und unterhielten uns wahrscheinlich, worüber sich 13jährige Mädchen unterhalten, ich weiß es nicht mehr. Bis dann die Rede auf die Katze kam, die ich unbedingt einmal streicheln musste. „Die wird im Keller sein“, sagte die Brieffreundin. Der Keller ein sehr langer dunkler Gang, sehr viel länger als das Haus. Gefühlte hundert Meter gingen wir bis zum ersten Lichtschalter, und gleichzeitig mit einem erneuten, jetzt mündlichen „nicht erschrecken“ der Brieffreundin gingen krachend und flackernd einige Neonröhren an, und blinzelnd sah ich mich am Eingang zu einem großen Raum voller Särge. Geschlossen auf Dreierstellagen übereinander, in Hälften hochkant an die Wand gestapelt. Einfache und geschnitzte, fast alle aus Holz und einer aus Zink mit Tragegriffen. „Nicht erschrecken“, sagte die Brieffreundin noch einmal, die Toten sind ja weiter hinten im Kühlraum. In einer Ecke des Raumes stapelten sich große Kartons. Sie enthielten, einzeln in Knisterfolie eingepackt, seidene Sargdecken. Und einer der Kartons, halb leer, war der Lieblingsschlafplatz des Katers. Wir streichelten ihn nur kurz. „Einmal“, sagte die Brieffreundin, „hätte mein Vater ihn beinahe mit beerdigt.“
Ich war vielleicht ein bisschen schweigsam auf dem Rückweg. „Das hat Dir jetzt aber nichts ausgemacht, oder?“ fragte die Brieffreundin irgendwann. „Ist doch auch nur Holz.“
Angeschaut habe ich mir „Die Päpstin“ nur wegen der wunderbaren Johanna Wokalek, um die es diesmal wirklich schade war.
Begeistert hat mich John Goodmann, der genau im richtigen Moment, quasi aus dem Hinterhalt, jene halbirre Ich-streich-mir-wirr-durchs-Haar-Geste machte, die ihn sofort, byzaninisierendes Gewand hin oder her, in Mad Man Mundt zurückverwandelte. Und der voll besetzte Cinemaxx-Saal im Berliner Sony Center lachte laut.
Am großartigsten aber war Frankenkönig Lothar mit seiner mit Campino-Bonbons inkrustierten Goldkrone – und sein fassungsloser Gesichtsausdruck, als die goldenen Tore von St. Peter krachend und wie von Geister-, äh, Gotteshand sich schlossen. Es ist nämlich so, dass dieser Schauspieler scheinbar irgendwo hier in meiner Nähe wohnt. Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass er schon einmal vor mir im NORMA an der Kasse stand. Unwillkürlich stellte ich mir vor, wie man ihm rational und aufgeklärt den Mechanismus der gläsernen Supermarktschiebetür erklären würde, auf dass er nicht noch einmal ein solches Gesicht machen müsse.
Was natürlich unfair ist, denn jeder weiß, spätestens seitdem, dass dieser König Lothar nicht von einem der schlechtesten Schauspieler gespielt wurde, dass das Gutsein allein aber vermutlich oft nicht so gut bezahlt ist wie das Gutsein in einem schlechten Film. Und vielleicht sogar zu Recht, denn man muss sich einmal überlegen, bei welchen Szenen es wohl schwerer gefallen ist, den der Rolle notwendigen Ernst walten zu lassen.
Meine Erinnerungen an die deutsche Wiedervereinigung sind unklar, schemenhaft und zum Teil kaum aussprechbar, denn ich war 9 Jahre alt und wuchs irgendwo im südostbayerischen Niemandsland auf, und politisches Bewusstsein war dem Großteil meiner Familie eher fremd.
Da war meine Mutter, die einige Wochen lang, jeden Sonntagabend, am Bügelbrett stehend, seufzte – ob denn nun die Lindenstraße schon wieder verschoben werden müsse wegen „DDR“.
Dann, als es ernst wurde, war da meine Großmutter, damals seit drei Jahren Witwe mit einer angeheirateten ostpreußischen, vulgo polnischen Verwandtschaft und einigen ostdeutschen Verzweigungen, mit denen außer einem höflichen Postkartenaustausch anlässlich der Vermählung im Jahr 1948 niemals irgendein Kontakt bestanden hatte. „Hoffentlich kommen die jetzt nicht alle zu uns“, befürchtete meine Großmutter.
Natürlich kam niemand. Es dauerte noch ein gutes Jährchen, bis selbst in meiner provinziellen Schulklasse die ersten Kinder mit sächsischem Akzent auftauchten, die tatsächlich so etwas wie Exotenstatus hatten, zumal, weil sie nicht katholisch waren – am Ende sogar überhaupt nicht religiös. Das sprengte damals unseren Vorstellungsrahmen.
Ich meine übrigens, mich an die Fernsehbilder zu erinnern, von den ersten DDR-Bürgern, die damals über die Bornholmer Brücke gingen.
Als wir neulich in Berlin waren, logierten wir bei einer aus Schwerin stammenden Freundin des A., sie ist einige Jahre älter als ich und wohnt in Pankow. Auf dem Weg zu ihr verfuhren wir uns kurz und kamen an der Bornholmer Brücke vorbei, wo ich bei vorherigen Berlinbesuchen nie gewesen bin. Auch bin ich noch nie die Friedrichstraße von Kreuzberg aus bis hoch Unter die Linden am früheren Checkpoint Charlie vorbei gegangen – auch dies hat sich diesmal zufällig ergeben.
Mehr Eindruck als diese topographischen Spuren aber hinterließ das Gespräch mit der Schweriner Pankowerin, die interessanterweise eine recht aktive Evangelische ist. Nun ist aus mir längst eine sehr unkatholische Arbeitertochter vom Land geworden. Die marianische Indoktrination der Jugendjahre, die irrationalen Rituale, der rigide und lebensfeindliche Konservatismus, das hat sich irgendwann in den letzten zehn Jahren endgültig nicht mehr vertragen mit einem wachsenden politischen und kulturellen Bewusstsein, mit der geisteswissenschaftlichen Ausbildung, letzten Endes mit einer rationalen Weltbetrachtung. Trachtenumzüge wie das letztwöchige Allerheiligenbrimborium meiner Mutter mitmachen zu müssen, versetzt mich in guten Tagen in heitere, an schlechten in aggressive Laune.
Nun erzählte mir die Schweriner Pankowerin aber recht plastisch davon, wie eng Kirche, Opposition und die Vorstellung eines freieren und menschlicheren Lebens in der späten DDR miteinander verbunden waren – und wie identitätsstiftend das kirchliche Engagement in dieser Zeit gewesen ist. Das ist eine Perspektive, die auch in den Geschichtsbüchern durchaus vorkommt, aber ich habe es nie aus erster Hand und so überzeugend gehört.
Ihr Blick auf Religion und Kirche und meiner verglichen – das ist ein gutes Beispiel dafür, in welch fundamental unterschiedlichen Welten wir aufgewachsen sind – Welten, von denen sonst normalerweise kaum mehr die Rede ist.
Das mit dem Glauben an Gott allerdings, das ist für mich immer noch nicht plausibler geworden.
So gut wie nie lese ich die Süddeutsche Zeitung in der gedruckten Ausgabe, in der auch die Todesanzeigen stehen. Praktisch nur dann, wenn sie gerade in einem Café ausliegt, wo ich auf jemanden warte, der sich vielleicht ein wenig verspätet.
So wie heute, in diesem Café gegenüber dem Historicum, in das ich eigentlich selten gehe, in dem ich aber vor etwa 7 oder 8 Jahren einmal als Studentin im Grundstudium saß, weil eine Geschichtsdozentin ihren Kurs dahin eingeladen hatte, um die Leute ein wenig besser kennen zu lernen. Ich habe mich damals nur ganz selten etwas sagen getraut, die Uni war noch sehr Neuland für mich, aber speziell diese Dozentin hatte eine Art, einen ins Gespräch zu bringen – im Seminar und auch in der Caféhausrunde. Es drehte sich um den Sinn geisteswissenschaftlicher Studien, unter anderem, und sie strahlte einen Idealismus aus, der zugleich völlig bodenständig und unverbohrt war. Ich erinnere mich auch an ihren langen, nach unten immer dünner werdenden grauen Zopf, den sie energisch über die Schulter werfen konnte, an ihre unangepasste und trotzdem weit von jedem Hippie-Klischee entfernte Kleidung, und an ihren von sachtem Dialekt gefärbten Tonfall.
Am Dienstag ist sie gestorben, sie wurde 53 Jahre alt. Ich habe es zufällig gelesen, heute, in diesem, von mir selten besuchten Café, während ich auf zwei Kolleginnen wartete, mit denen ich danach lang und seufzend über die Arbeitsbedingungen im Mittelbau oder darunter redete, wie immer.
Ich bin ja eigentlich eine von den Netten, die sich meistens ehrlich freut, wenn sie eingeladen wird, wenn Menschen sich an sie erinnern und sie im Vorbeigehen grüßen, und ich stelle mir am liebsten vor, dass alle Leute, die mich kennen, nur Angenehmes assoziieren, wenn sie zufällig oder sogar absichtlich an mich denken.
Ich bin aber auch von ausreichend vielen Wassern gewaschen, um zu wissen, dass dem durchaus nicht immer so ist. Die Zahl meiner Freunde – also echten Freunde – ist in Wirklichkeit geradezu erschreckend gering, ohne dass mir das allerdings als Mangel erscheinen würde. Im Gegenteil. Die Geschäfte des Alltags sind so, dass es Mühe genug erfordert, diesen Freundschaften die wohlverdiente und angemessene Pflege angedeihen zu lassen – eine Mühe allerdings, die sich mehr als viele andere Mühen des Lebens auszahlt.
Vielleicht genau deshalb bin ich der allenthalben grassierenden beruflichen Freundschaftlerei völlig abhold. Ein Kollege, den ich duze oder der im selben Fachbereich arbeitet, ist deswegen noch längst nicht mein Freund (was nicht heißt, dass er es nicht werden könnte. Dann aber aus außerberuflichen Gründen).
In dieses Problemfeld gehört m.E. auch das Chefduzen aus Prestigegründen. Mein Chef sagt manchmal „Du“ und manchmal „Sie“ zu mir, und jedem anderen Menschen würde ich, auch bei großem Altersgefälle, das „Du“ vorschlagen. Im Falle des Chefduzens allerdings ist das Machtgefälle dafür zu groß, zumal ich auf das Resultat nicht allzu scharf bin. Auch ein geduzter Chef ist ein Chef, und gerade an seinen schlechten Tagen will ich ihn nicht duzen müssen.
Und weiterhin in dieses Problemfeld gehört Facebook. Zu Facebook kam ich wie die Jungfrau zum Kind, indem eine Kollegin (s.o.) eine „group“ zur Organisation bestimmter Zusammentreffen einrichtete, die man bis jetzt aufgrund der nicht gerade überbordenden Mitgliederzahl stets per Rundmail erledigt hatte. Meine ersten „Freunde“ auf Facebook waren also besagte Kollegen (s.o.). Inzwischen haben sich ca. 20 weitere „Freunde“ angesammelt, was vergleichsweise offenbar sehr wenig ist. Interessanterweise befindet sich nur eine von meinen echten Freunden darunter, die in Israel wohnt und mit der ich inzwischen tatsächlich ganz gerne über FB kommuniziere. Zwei bis drei weitere FB-“Freundinnen“ haben immerhin das Potenzial zu echten Freundinnen, ich kenne sie aber noch nicht so lange. Der Rest sind dann irgendwie so Leute, und zwei meiner „Freunde“ sind sogar völlig unpersönliche Institutionen.
Wer aber trotz der laschen Auslegung des „Freundes“-Begriffs niemals auf meine Liste kommen wird, das sind solche Leute, die mich vor vier oder fünf Jahren mal auf einer Exkursion oder im Erasmus-Jahr oder vielleicht sogar schon in der Schule links liegen lassen haben, weil sie beschlossen haben, im Gegensatz zu mir und ein paar anderen Ungeschmeidigen die Coolen zu sein. Wenn so jemand meinen Namen zufällig über FB ausfindig macht und mir dann doch tatsächlich eine „Freundschaftsanfrage“ schickt, auf dass ich Nummer 338 in seiner natürlich unglaublich internationalen Liste werde, dann bin ich so frei und lasse das einfach unbeantwortet.
Nein, eigentlich muss ich keineswegs immer eine von den Netten sein.
Und dann war da noch dieser Nachwuchsschriftsteller, Kategorie beinahe vierzig, Kleinstverlag, einmal erfolglos in Klagenfurt gelesen, jetzt eigener Blog mit Befindlichkeitsprosalyrikaphoristik, den ich neulich einmal zufällig traf, bei einer dieser Gelegenheiten, wo man rumsteht, rucolagefüllte Röllchen isst und versucht, sich an irgend welche Grüppchen ranzustellen, von denen man wenigstens die eine oder andere Person schon mal gesehen hat.
Die Freundin des Nachwuchsschriftstellers ist sehr nett und interessant.
Der Nachwuchsschriftsteller selbst hat die Angewohnheit, im Gespräch immer näher an Menschen heranzurücken. Er sieht gut aus und riecht keineswegs komisch, aber trotzdem unterschreitet er die normalerweise gebotene Distanz stets um mindestens 20 cm.
Er schafft es auch, sich im Gespräch immer weiter vor andere Personen zu schieben, bis sie aus dem Kreis gedrängt sind. Wenn diese Personen sich dann abwenden und gehen, merkt er es nicht. Er spricht sehr viel von sich, lässt andere selten aussprechen und schafft es, in den ersten drei Minuten der Bekanntschaft gefühlte 27 Preisverleihungen zu erwähnen, bei denen er gerühmt wurde, 18 Institutionen, mit denen er es zu tun hat und natürlich 378 vermeintliche oder tatsächliche Größen des hiesigen und sogar überregionalen Kulturbetriebs. Und dies auf einer Veranstaltung, auf der eigentlich andere Leute die Preisträger sind.
Der Nachwuchsschriftsteller macht anscheinend auch irgendwie journalistisch im Kulturbetrieb, kommt aber nicht auf die Idee, dass andere Anwesende auch in diesem Bereich unterwegs sein könnten. Und so kommt die Rede auf jenen chinesischen Künstler, von dem momentan ohnehin die ganze Stadt spricht, und auf die kürzlich erfolgte Eröffnung von dessen großer Schau, in diesem noch größeren, coolen Museum. Der chinesische Künstler sei ja doch überbewertet, und die ganze Sache eine riesige Inszenierung. Der chinesische Künstler habe auf der Pressekonferenz ja seine eigenen Sachen nicht ordentlich kommentieren können. Und überhaupt.
Auf meinen Einwand, dass der chinesische Künstler immerhin sein Leben riskiere, um sich mit seiner Kunst gegen die dramatische Lage in seinem Land einzusetzen, und dass deswegen, endlich einmal, dieser ganze Bohei des Kunstbetriebs, den man in der Tat nicht immer sympathisch finden müsse, vielleicht um den richtigen gemacht werde, wurde, halb ausformuliert, umgehend erwidert: China werde ja trotzdem auf der Buchmesse hofiert und so. Als ob das die Schuld des chinesischen Künstlers sei, klang es. Auch der Einwand, dass der chinesische Künstler als Chinese vielleicht einfach anders kommuniziere und generell sehr verschlossen sei, wurde gekontert mit dem Hinweis, dass im Gegenteil die ganze Ausstellung doch ein Zeichen des kulturellen Imperialismus sei.
Nun saß ich vor zwei Wochen, wie der Zufall es so will, neben dem chinesischen Künstler beim Mittagessen. Ich sprach nicht mit ihm, denn es waren viele Leute da und ich darunter bei weitem nicht der Wichtigste; und tatsächlich ist er ein stiller, des Kommentierens eher abholder Typ. Ich sah aber die lange, noch gerötete Narbe an seinem Kopf, denn erst kürzlich wurde ihm ein lebensgefährliches Blutgerinnsel aus dem Kopf operiert, das ihm in seinem Land auf gewaltvolle Weise zugefügt wurde, weil er die Wahrheit zu sagen vorhatte.
Das Essen, das der vom chinesischen Künstler mitgebrachte Koch zubereitet hatte, schmeckte mir übrigens nicht besonders, es war mir einfach zu ungewohnt. Natürlich sagte ich das nicht, aber ich lobte es auch nicht über Maßen. Ich sah aber den chinesischen Künstler, und ich sah seine Arbeit und erfuhr sehr viel über so altmodische und unhippe Dinge wie Ungerechtigkeit, und über Mut.
All das zu kommentieren aber sah ich mich nicht in der Lage, während der Nachwuchsschriftsteller mich mit kleinen Schritten gegen die Kante des Buffets abdrängte.
Es ist im Kopf nicht auszuhalten, wenn keine 500 Meter von meiner Wohnung entfernt an einem ganz normalen Samstag Nachmittag ein Ereignis in Gang kommt, an dessen Ende ein Mann seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt.
Noch weniger ist es im Kopf auszuhalten, wie der Mob in den Zeitungskommentaren regelrecht danach geifert, dass es doch bittebitte Muslime oder wenigstens sonst irgendwelche Ausländer gewesen sein sollten, von der übrigen Bürgerwehr-Rhetorik ganz zu schweigen.
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Manchmal denke ich, ich wäre auch gerne eine etwas unförmige Dame mittleren Alters im Leopardenkunstfell. Ich würde dann auch meine zwei weißen Rassepudelchen durch den Park bei der Neuen Pinakothek führen, auf und ab als gäbe es kein Morgen. Das mit dem Ehrgeiz und den Lebenszielen hätte sich längst erledigt, wahrscheinlich würde ich das Geld von meinem früh Dahingeschiedenen oder auch nur Geschiedenen verbrauchen, oder vielleicht hätte ich auch dieses unspektakuläre aber geräumige Mietshaus hinter der Kunstakademie geerbt und wäre also deshalb: unabhängig. Ich würde jeden zweiten Tag in den überteuerten art-deco-Second-Hand und Möbelläden zwischen Barer- und Amalienstraße hin- und herkreuzen und kleine kitschige Dinge kaufen.
Abends würde ich vor dem Spiegel ein wenig seufzen und dann an das Schächtelchen mit dem Millefoglie-Gebäck vom Kreutzkamm gehen oder an die Pralinen von Elly Seidel. Schließlich könnte ich mir auch die gut geschnittenen und bequemen Sachen von Kandis und Kandismann leisten, oder das eine oder andere Leopardenfell. Die besten Zeiten wären so und so vorbei, und was Prokrastination ist, das wüsste ich nichts, und deswegen hätte ich gar keine Idee davon, wie es dieser jungen, vom Bildungsaufstieg ermüdeten Doktorandin geht, die einen Aufsatz schreiben soll, deren Kopf aber einfach nichts mehr aufnimmt heute, der jedes Geräusch im Lesesaal zu viel ist und die deshalb mit dem aufgeschlagenen Buch auf der Parkbank sitzt und die das schlechte Gewissen vom Nichtstun ebenso auslaugt wie das Lesen von Texten über neoplatonische Geometrie, und die deshalb in Wirklichkeit gar nicht liest, sondern zwei kleinen weißen Hunden hinterherschaut.
So wäre das.
Heute, im Stadtarchiv:
Ein Filmemacher auf der Suche nach historischem Material. Das ist ein Film, glaube ich, überlegt die Archivarin und zückt das Bestellformular für die Mikrofilme. Ja, sagt der Filmemacher, das wird ein Film.
Danach zwei Taubstumme, denen, als man sich (bei Kenntnis der Lage) nicht auf Anhieb verständigen kann, auf Englisch geantwortet wird. Süddeutsches Archivarsenglisch.
Die Archivarin eine missgelaunte und auf Anhieb eher unsympathische Frau, von der man im Laufe eines dreistündigen Aufenthalts im Lesesaal aus von ihr mit Kollegen geführten kurzen Gesprächsfetzen aber erfährt, dass sie nachher noch zum Kieferorthopäden muss und seit Tagen von Coca-Cola lebt.
Es war interessant, aber immer noch und jedes Mal frage ich mich, warum in Archiven meistens nicht das in Bibliotheken standardmäßige Sprechverbot herrscht. Schließlich erfordert es weit mehr Konzentration, süddeutsches Beamtensütterlin von 1880 zu entziffern, als irgendeinen frisch gedruckten Gesetzestext.
