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Meine Erinnerungen an die deutsche Wiedervereinigung sind unklar, schemenhaft und zum Teil kaum aussprechbar, denn ich war 9 Jahre alt und wuchs irgendwo im südostbayerischen Niemandsland auf, und politisches Bewusstsein war dem Großteil meiner Familie eher fremd.
Da war meine Mutter, die einige Wochen lang, jeden Sonntagabend, am Bügelbrett stehend, seufzte – ob denn nun die Lindenstraße schon wieder verschoben werden müsse wegen „DDR“.
Dann, als es ernst wurde, war da meine Großmutter, damals seit drei Jahren Witwe mit einer angeheirateten ostpreußischen, vulgo polnischen Verwandtschaft und einigen ostdeutschen Verzweigungen, mit denen außer einem höflichen Postkartenaustausch anlässlich der Vermählung im Jahr 1948 niemals irgendein Kontakt bestanden hatte. „Hoffentlich kommen die jetzt nicht alle zu uns“, befürchtete meine Großmutter.
Natürlich kam niemand. Es dauerte noch ein gutes Jährchen, bis selbst in meiner provinziellen Schulklasse die ersten Kinder mit sächsischem Akzent auftauchten, die tatsächlich so etwas wie Exotenstatus hatten, zumal, weil sie nicht katholisch waren – am Ende sogar überhaupt nicht religiös. Das sprengte damals unseren Vorstellungsrahmen.
Ich meine übrigens, mich an die Fernsehbilder zu erinnern, von den ersten DDR-Bürgern, die damals über die Bornholmer Brücke gingen.
Als wir neulich in Berlin waren, logierten wir bei einer aus Schwerin stammenden Freundin des A., sie ist einige Jahre älter als ich und wohnt in Pankow. Auf dem Weg zu ihr verfuhren wir uns kurz und kamen an der Bornholmer Brücke vorbei, wo ich bei vorherigen Berlinbesuchen nie gewesen bin. Auch bin ich noch nie die Friedrichstraße von Kreuzberg aus bis hoch Unter die Linden am früheren Checkpoint Charlie vorbei gegangen – auch dies hat sich diesmal zufällig ergeben.
Mehr Eindruck als diese topographischen Spuren aber hinterließ das Gespräch mit der Schweriner Pankowerin, die interessanterweise eine recht aktive Evangelische ist. Nun ist aus mir längst eine sehr unkatholische Arbeitertochter vom Land geworden. Die marianische Indoktrination der Jugendjahre, die irrationalen Rituale, der rigide und lebensfeindliche Konservatismus, das hat sich irgendwann in den letzten zehn Jahren endgültig nicht mehr vertragen mit einem wachsenden politischen und kulturellen Bewusstsein, mit der geisteswissenschaftlichen Ausbildung, letzten Endes mit einer rationalen Weltbetrachtung. Trachtenumzüge wie das letztwöchige Allerheiligenbrimborium meiner Mutter mitmachen zu müssen, versetzt mich in guten Tagen in heitere, an schlechten in aggressive Laune.
Nun erzählte mir die Schweriner Pankowerin aber recht plastisch davon, wie eng Kirche, Opposition und die Vorstellung eines freieren und menschlicheren Lebens in der späten DDR miteinander verbunden waren – und wie identitätsstiftend das kirchliche Engagement in dieser Zeit gewesen ist. Das ist eine Perspektive, die auch in den Geschichtsbüchern durchaus vorkommt, aber ich habe es nie aus erster Hand und so überzeugend gehört.
Ihr Blick auf Religion und Kirche und meiner verglichen – das ist ein gutes Beispiel dafür, in welch fundamental unterschiedlichen Welten wir aufgewachsen sind – Welten, von denen sonst normalerweise kaum mehr die Rede ist.
Das mit dem Glauben an Gott allerdings, das ist für mich immer noch nicht plausibler geworden.
es rührt sich was.
Hoffentlich ein bisschen überlegter als im Sommer.
Ich erinnere mich an die paar Kurse in Kommunikationswissenschaft, die ich damals belegt habe, weil der NC so hoch war und ich wegen meiner super Abinoten dachte, ich könne doch nicht nur studieren, was mich interessiert, wo aber jeder hinein darf – ich müsse auch ein bisschen Elite, auch wenn es damals noch nicht so hieß.
Den Irrtum habe ich schnell erkannt, aber an ein paar Sachen erinnere ich mich trotzdem noch. Zum Beispiel, dass ich spiegellesendes Landei doch erstaunt war ob des Prinzips der Opinion Leadership und des Peer-Group-Agenda-Setting.
Ein ähnliches Gefühl stellt sich jetzt ein, wenn ich bei „Google News“ versuche, etwas über die Hörsaalbesetzung in Münster zu erfahren. Entweder, sie ist wirklich unwichtig, oder sie wird unwichtig gemacht. Hm.
Statt
„Ich war jung und brauchte das Geld“
wird es bei uns später einmal heißen:
„Ich war nicht mehr ganz jung und brauchte das Zeugnis“,
wenn wir uns an sinnlose, langweilige oder sonst irgendwie absurde Tätigkeiten zurückerinnern.
Beweise dafür, dass diese Welt im Allgemeinen eine ungerechte ist, findet man allenthalben und überall. Die Beatles zum Beispiel: Welcher wurde erschossen, und welcher kitscht immer noch fröhlich herum?
Der Gerechtigkeit halber ist aber hinzuzufügen: Auch Paul hat seine Moments of Brillance gehabt, auch wenn uns das nicht unbedingt fröhlicher macht heute:
Ach so, na dann, alles halb so schlimm.
Was bin ich froh, dass wir alle so cool und smooth sind.
Ich muss sagen, dass die Pressholzplatten der FDP offenbar nicht leicht kaputtzukriegen sind.
Dass vor der Bäckerei mit dem Schwarz-Gelben logo ein Sonnenschirm abgebrannt ist, war wahrscheinlich Zufall.
Es ist im Kopf nicht auszuhalten, wenn keine 500 Meter von meiner Wohnung entfernt an einem ganz normalen Samstag Nachmittag ein Ereignis in Gang kommt, an dessen Ende ein Mann seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt.
Noch weniger ist es im Kopf auszuhalten, wie der Mob in den Zeitungskommentaren regelrecht danach geifert, dass es doch bittebitte Muslime oder wenigstens sonst irgendwelche Ausländer gewesen sein sollten, von der übrigen Bürgerwehr-Rhetorik ganz zu schweigen.
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Heute Abend, 18 Uhr an der viel befahrenen Kreuzung Nymphenburger-/Brienner- und Dachauerstraße: Als die Ampel für den Verkehrsfluß stadtauswärts aus der Briennerstraße auf Rot springt, stellen sich drei oder vier Burschen in schwarzen T-Shirts frontal vor den wartenden Autos auf den Fußgängerstreifen und halten ein Transparent hoch: „Für weniger rot csu wählen.“ Ah ja, dann haben wir ja bald wieder Freie Fahrt für Freie Bürger, die Autogerechte Stadt, und nie wieder müssen wir Rücksicht nehmen (oder einfach nur anhalten) für Schwächere und Langsamere (in dem Fall Radfahrer und Fußgänger) oder einfach nur für die, die sich quer zu unserer Richtung bewegen.
Gut, dass sie es nochmal so genau gesagt haben. Kopfloserweise haben wir ein paar Stunden zuvor noch gescherzt, man sollte mal ins nur wenige Meter entfernte Parteilokal „Löwe und Raute“ gehen und ein Zigeunerschnitzel bestellen.
Das war definitiv ein schlechter Witz, denn die meinen es natürlich ernst – auch wenn sie sich dabei unfreiwillig komisch aufführen.
Ich bin laut klingelnd an ihnen vorbeigeradelt, und danach habe ich es bereut: Bestimmt haben sie es als Beifall verstanden.
