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Und nach fast genau vier wechselhaften Jahren ist sie dann einfach so vom Tisch. Erstmal zumindest.

Weil es für einen Kommentar bei Herrn Schwaner zu lang geworden wäre:

Auch für mich geht die populistische Wahlkampf-Forderung „Mehr netto vom brutto“ am eigentlichen Problem vorbei. Neulich las ich irgendwo, wie viele normale, sozialversicherte Arbeitsverhältnisse in den letzten Jahren sich in Scheinselbständigkeit, Minijobs etc. verwandelt haben.  Ich habe die Zahl verdrängt, weil sie so schwindelnd hoch war, aber das ist doch ein Problem, das man wirklich mal angehen sollte: Leute, die in keiner Arbeitslosenstatistik auftauchen, aber dauerhaft in der Nähe der Armutsgrenze plusminus 200 Euro leben. Danach kann man von mir aus gerne auch die Mittelschicht entlasten, an deren unterem Rand es tatsächlich auch ungemütlich wird.

Was aber diese anscheinend stillschweigend akzeptierten prekären Verhältnisse angeht, so treffen sie aber eben nicht nur die wenig Qualifizierten, „Bildungsfernen“. Auch für 30jährige Akademiker mit hervorragenden Referenzen kann es ganz normal sein, noch nie diese magische Grenze erreicht zu haben, hinter der man dann Steuern zahlen müsste.

Gerade im Bildungs- und Kulturbereich kenne ich inzwischen fast nur noch frustrierte 30jährige, denen gerade im Moment die jahrelang demonstrativ zur Schau gestellte intrinsische Motivation abhanden kommt, weil sie erkennen, dass ihr Beruf eigentlich nur ein teures Hobby ist, das man sich nicht leisten könnte, wenn nicht irgendwo dezent im Hintergrund noch eine solvente Quelle namens „Eltern“ oder „Ehepartner“ wäre. Oder man ein Doppelleben führt. Selbst promovierte Leute müssen sich am Anfang so ziemlich alles gefallen lassen, und dass man z.B. von einem Volontärsgehalt nicht mehr leben kann, ist seit Jahren bekannt. Ein befreundeter Kunsthistoriker, der als Volontär neulich eine eigene Ausstellung kuratierte, traf eines Abends einige der von ihm betreuten Künstler zufällig in einer Bar. Es war die Bar, in der er dreimal die Woche abends hinterm Tresen steht, neben dem Fulltime-Job, neben der Weiterqualifizierung, ohne die ja sowieso nichts läuft.

Die wenigen (und immer weniger werdenden) lukrativen und etablierten Stellen sind derweil fast durchweg besetzt von Leuten zwischen 40 und 50, die oft nur ungenau unterscheiden zwischen „Volontär“ und „Praktikant“, alles die selbe subalterne Suppe, und nach einem, höchstens zwei Jahren sind sie eh wieder verschwunden.

Aber was solls, Kultur ist schließlich nicht systemrelevant. Bestimmt werden bald auch die letzten spärlichen Druckkostenzuschüsse für Dissertationen gestrichen. Hauptsache, wir haben den Quellekatalog.

Dieser Tage gab es im Hause Ivar eine Diskussion zum Thema Religion, Unterabteilung katholisch. Ivar und A. sind beide in dieser Konfession getauft und sozialisiert. A. etwas mehr familiär, Ivar etwas mehr schulisch, denn Ivar kommt aus Altötting, genau wie Ratzinger, aber auch wie Hans-Christian Schmid.

Ivar besuchte dort eine katholische, halbstaatliche Nonnenschule und lernte verschiedene Methoden des Zugangs zu Glaubensinhalten kennen. Der stärkste Eindruck blieb aber  der, über Jahre hinweg regelmäßig donnerstags die vierte Stunde im Oktogon der Gnadenkapelle zu stehen und den Hymnus zum Heiligen Geist herunterzubeten. Bis heute kann Ivar dieses sehr lange Gebet auswendig, inzwischen als déformation juvenile empfunden. Es ist nämlich so, wenn selbst der eigene Abiturball für eine volle Stunde unterbrochen werden muss, weil draußen vor den Terrassentüren des Hotels eine singende Lichterprozession mit weißgekleideter Madonnenpuppe und 300 Plasikkerzen vorbeizieht, dann macht man entweder mit, oder man wendet sich mit Grausen ab. Ivar tat Letzteres, ein geisteswissenschaftliches Studium tat sein Übriges, und die Jahre gingen ins Land, in denen Ivar sich als skeptische Agnostikerin gefiel und die Wendung Junge Christen in einer Art aussprach, die keinen Raum für Zweifel ließ. Und nun A. A’s Schwester ist zum Beispiel Theologin in Rom, und obwohl A. selbst schon einmal überlegt hat, aus der Kirche auszutreten, bekennt er sich doch zumindest dazu, dass die katholische Kirche ein wichtiger Teil seiner generellen Sozialisation sind. Über Ivars Junge Christen, so A., mag er nicht lachen.
Ivar selbst lacht ja eigentlich auch nicht unbeschwert, denn was sie am Christentum (Unterabteilung katholisch im Besonderen) stört, ist im Wesentlichen unter folgenden Schlagworten zusammenzufassen: Die Folklore, das Normative, das Ausgrenzende und Intolerante (Schwule, Frauen), das Unsensible (Juden), das Unbarmherzige und Missionarische (Opus Dei, Afrika), das Irrationale (Eucharistie und Auferstehung).

Nun ist auch Ivars beste Freundin E. eine gläubige Katholikin, Unterabteilung Polen. E. aber ist mit einem Atheisten verheiratet und darf seitdem nicht mehr zur Eucharistie gehen. Ivar sieht, dass E. darunter leidet, und es ist ein weiterer Minuspunkt für die Institution.

Nun vertrat A. dieser Tage die These, das mit der Auferstehung, das sei doch eher etwas Symbolisches. Erst die Aufklärung habe das zu etwas handfest Historischem erklärt, um es eben gerade vor dem rationalen Geist zu diskreditieren. Gestern aber sagt der Radiosprecher, Ratzinger habe erklärt, die Auferstehung sei ein einmaliges, unwiderholbares aber eindeutig historisch stattgefundenes Ereignis gewesen.

Heute früh, kurz vor sieben, sieht Ivar dann einen Bericht über ein Benediktinerinnenkloster in Nymphenburg, also direkt in Ivars Nachbarschaft. Lauter kluge Frauen, nicht alle direkt so, dass man mit ihnen Kaffee trinken will, aber manche doch. Eine ist Seelsorgerin im Westend, und sie sagt es mehr als nur durch die Blume, dass sie gerne Priesterin wäre.
Die Oberin sagt, sinngemäß, sie könne es sich nicht vorstellen, dass es einen Menschen gäbe, der zur Kirche stehe und nicht doch manchmal an ihr zweifle.

Ivar hat summa summarum das Gefühl, etwas gelernt zu haben, auch wenn sie nicht näher gerückt ist.

Einen meiner Hauptseminarscheine im Nebenfach Geschichte machte ich in einem Seminar zum Thema „1930 – Krisenjahr der Weimarer Republik, Krise der Moderne?“ Das Seminar verfolgte einen sehr offenen Ansatz – alle möglichen Erscheinungen des Jahres 1930, vom Berlin-Stadtführer bis zur Museumspolitik, von Schulze-Naumburgs und George Grosz’ Aktivitäten bis hin zum Portfolio der gängigsten Boulevardblätter,  sollten zusammengetragen werden, um eine Art Querschnitt der Zeit vor dem Zusammenbruch der ersten deutschen Demokratie zu erhalten.
In den letzten Wochen habe ich öfter daran denken müssen, ob es irgendwann, vielleicht in 70, 80 Jahren, auch einmal ein Seminar über das Jahr 2008 oder 2009 oder meinetwegen 2010 geben wird, und wie es heißen wird und ob dann einer ein Referat über Ackermann hält, der andere über das Dschungelcamp, noch einer über die abgesagte Loveparade und der nächste über die Ästhetik des Ikeakatalogs.

Am 6.6.08 wurde in Augsburg der Kunstpreis „Leonardo“ verliehen. Wer von diesem Kunstpreis noch nie gehört hat, braucht sich seiner Unkenntnis nicht zu schämen, denn der Preis wurde zum erstenmal vergeben, gestiftet von einem Augsburger Unternehmer. Ein Novum also, der Versuch, etwas zu etablieren ‑ in einer Stadt, die nicht unbedingt zu den Zentren zeitgenössischer Kunst gehört. Das Preisgeld sehr hoch: 50 000 €.  Wie gestaltet sich die Verleihung, wie vereinen sich Geld und Stilsicherheit?
Preisverleihungen – man kennt solche Szenarien: Begrüßung, Laudatio auf den/die Preisträger, Vorstellung der prämierten Arbeit, dann die eigentliche Verleihung, Händedruck, Dankesworte, vielleicht etwas Musik, dann Sekt und Häppchen. Beim „Leonardo“ gibt es das alles, aber noch vieles mehr.

 … ein schwarzer Mercedes


Vor dem Augsburger Rathaus steht, wie ein skulpturales Hinweisschild, ein schwarzer Mercedes. Ob da ein Chauffeur wartet, bis sein Dienstherr nach Erfüllung der kurzen Grußpflicht zum nächsten Termin weitereilt? Nein, in diesem präpotent geparkten Fahrzeug kann man niemand sehen, aber an der Windschutzscheibe technische Informationen zum Modell und den Verkaufspreis lesen. Wird es vielleicht anstelle des Kunstpreises verliehen? Was aber, wenn der Preisträger kein Auto möchte? Zweifel kommen auch auf, da der Preis des Fahrzeugs den des Preisgeldes um mehr als das Dreifache übersteigt. Schnell wird klar, daß Mercedes zu den Sponsoren des Preises gehört und nun eine kleine Möglichkeit zur Selbstdarstellung bekommt.

Dergestalt eingestimmt, betritt man das Rathaus. Salon-Musikklänge und Leute in festlicher Abendkleidung kommen entgegen. Im Saal mit seiner hohen, wuchtigen Renaissance-Decke spielt bereits eine Pianistin an einem schwarzglänzenden Flügel, auf der anderen Seite wartet ein Kammerorchester, in der Mitte eine Bühne mit Leinwand. Die Blicke schweifen umher, man sucht nach Bekannten, sucht die Künstler, die am Wettbewerb teilgenommen haben. Der größte Teil des Publikums sind allerdings dunkelgekleidete, meist ältere Damen und Herren. Verstreut, vor allem in den hinteren Reihen sieht man einige jüngere Gesichter, die sich auch durch ihre legerere Kleidung und eine gewisse Unruhe unterscheiden.

Nach etlichen Minuten leichter, träumerischer Klaviermusik geht es los: Fanfarenklänge aus den Lautsprechern, es wurbelt bunt auf der Leinwand, Formen bersten und setzen sich wieder zusammen, ist das die Berlinale oder Cannes? Vielleicht eher ein drittklassiger Schokoriegelspot. Die Bronze-Preisfigur, in Analogie zu der des Oscar gestaltet, wirbelt durch den Weltraum und landet – hier in Augsburg!

Hinter der Leinwand springt eine Gestalt hervor und ruft ihre Begrüßung in den noch anhaltenden triumphalen Schlußakkord. Sie ist die Personifikation guter Laune und Stimmung und vom Bayerischen Rundfunk. Sie ist blond, trägt ein rotes Samtkleid, schulter- rückenfrei und trägerlos, so daß man hinten einige weißliche Streifen erkennt, da, wo die Sonne sonst nicht hinkommt.

 

„In der guten Stube, nein, der besten Stube“


Sie preist den Stifter des Preises und die teilnehmenden Künstler und deren „Kreativität“ – neben der Sonne, die es heute gut mit uns meint und die zum „festlichen Rahmen“ beiträgt wie auch der Ort, die kunstträchtige „gute Stube“ Augsburgs. Der Bürgermeister wird dann von der „guten Stube, nein, der besten Stube“ sprechen. Superlative überall …

Vor der eigentlichen Preisverleihung liegt noch manches: es spricht der Staatsminister, es spielt das Jugendorchester eines renommierten örtlichen Gymnasiums, es spielt gut, getragen, melancholisch, dann rezitieren Schauspieler des Stadttheaters ein lustiges Stück, das die Beziehung abstrakte Malerei – Sammler thematisiert, und in dem das Wort „Scheiße“ ziemlich häufig fällt, dann spielt das Orchester wieder schöne Musik, und die Abendsonne glänzt auf den goldenen Geweihen und Büsten.

Bevor es dann irgendwann zur Preisverleihung kommt - man erkennt die  Absicht der Veranstalter, das ganze weder zu kurz noch zu langweilig zu machen – tritt ein Komödiant auf.  Bei seinem ersten „Intermezzo“, wie in der Einladung angekündigt, zitiert er gängige Künstlerklischees. Als ihm diese ausgehen, rutscht er vollends in vorfabriziertes Kabarett ab, das er noch von der letzten Faschingsveranstaltung parat hat. Seine Auftritte werden durch den Rest des Programms lästigerweise unterbrochen: z.B. Filmchen, welche die Preisträger in der Galerie des Stifters zeigen um sie dann, in bester Show-Tradition, in Realpräsenz auf die Bühne zu bitten, und ihnen wagentürgroße Schecks mit dem Namen der örtlichen Sparkasse zu überreichen. Doch zwischen die drei Preisträger schiebt sich unermüdlich der Komiker. Der Abend wird immer länger, der Applaus immer dünner. Manche halten es nicht mehr aus und verlassen den Saal, blättern den üppigen Katalog der Wettbewerbsbeiträge durch – ganz vorne ein großes Blatt mit den Logos der Sponsoren. Der Katalog ist allerdings auch von den Teilnehmern/Finalisten selbst käuflich zu erwerben. Das Buffet läßt dann keine Wünsche offen. Wenigstens hier spart man sich die Bemerkung, die ansonsten Resümee für die Inszenierung dieser Preisverleihung ist: „Weniger wäre mehr gewesen“. Etwas seltsam, die ganze Veranstaltung …

 

A.C.