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Mit der neuen Kamera herumexperimentieren. Unterwegs sein.

Was nicht schön ist: Dass es sich in letzter Zeit immer anfühlt wie ein Diebstahl.

 

Ein wenig erleichtert, ein wenig verstört und ein wenig erschöpft macht mich die Tatsache, dass alles gleich so schnell Fahrt aufnimmt.

Noch ist es keine Woche, dass ich die Arbeit abgegeben habe, da ist schon die erste Bewerbung, mit Arbeitsplan und pipapo so gut wie fertig, und die zweite, die sollte es eigentlich auch schon sein, denn da ist die Deadline noch vierzehn Tage früher.

Das ist weitaus besser, als irgendwelche Schüsse in die große beschäftigungslose Leere zu veranstalten.
Aber würde die erste, die wahrscheinlichere Möglichkeit, tatsächlich funktionieren, dann würde ich sehr bald umziehen müssen. So bald, dass ich am besten schon vor einem Monat die hiesige Wohnung gekündigt hätte und mich auf die Suche gemacht nach einer neuen Bleibe in B., der großen kalten Stadt, der ich nicht ganz traue.

Andererseits treffen erfahrungsgemäß die Dinge, mit denen man am wahrscheinlichsten rechnet, am seltensten ein. Mein hochspezialisiertes Netzwerk ist nicht schlecht, für diese Bewerbung – doch das heißt nicht, dass irgendjemand anders nicht noch ein besseres hat oder zumindest an einer günstigeren Verknüpfung des selben Netzwerks sitzt.

Im Übrigen kreisen all diese Gedanken um eine Tätigkeit, über deren Entlohnung und soziale Absicherung bislang nur spekuliert werden kann – das Spektrum der Möglichkeiten reicht von einer annähernden Verdoppelung meines momentanen Einkommenrahmens bis hin zur sozialversicherungsfreien Verschlechterung auf knapp über Existenzminimum.
Im Fall der zweiten Bewerbung stellt sich diese Frage nicht: Auf anderen Kontinenten ist es scheinbar üblich, gleich klipp und klar zu sagen, was es gibt und was nicht. Was es gäbe, wäre nicht schlecht, aber von noch begrenzterer Dauer als alle anderen Optionen, und überdies etwa 10.000 Kilometer entfernt von hier.

Beide Optionen wären überdies höchst lohnenswerte Investitionen in meinen bereits jetzt erschreckend langen Lebenslauf, wenn auch – wie üblich – mit hohen sozialen Opportunitätskosten verbunden, worüber man selbstverständlich nicht spricht.

Und jenseits würde warten: die Supermarktkasse, das verzweifelte Freiberuflertum, oder die unsichtbare Sklaverei, irgendwo in der Welt der Rich & Famous.

So ist der Stand der Dinge.

Aus der Reihe sinnvolles Prokrastinieren:
Was macht man, wenn man es einfach nicht schafft, das jahrelang gewachsene Dickicht auf dem Schreibtisch (und im Kopf) wegzuräumen, während aber die Deadline für den nächsten Projektvorschlag im Nacken sitzt?
Ja, genau: Man räumt das ganze Zimmer um. Bei all dem Staub, der dann aufgewirbelt und notwendigerweise weggeputzt wird, fällt das Verräumen der alten Zettel- und Quellensammlungen auch nicht mehr weiter ins Gewicht.
Und so bald der Schreibtisch an einem anderen Platz steht, läuft auf einmal alles viel leichter.

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Venedig schafft es immer noch, eine Umdrehung zuzulegen: Mehr Kommerz, größere Transparente, höhere Vaporettopreise.  Die großen Kreuzfahrtschiffe durchqueren den Guidecca-Kanal inzwischen praktisch im Zweistundenturnus und zerwühlen die Fundamente der Stadt.

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Kein Wunder also, dass die halbe Piazzetta, die Marciana und zum Kummer aller Japaner auch die Seufzerbrücke fast vollständig eingerüstet sind, weil wieder einmal alles rissig wird. Und während man vor einigen Jahren noch dekorative Canaletto-Ansichten der jeweiligen Orte oder zumindest gut gemachte Architekturprospekte vorblendete, damit das Weichbild der Stadt auch von der Lagune aus intakt blieb,  ist man heute wieder zur hemmungslosen Vermarktung zurückgekehrt. Die Gruppe dort unten zum Beispiel schaut auf einen großen Kran und das bunte Werbeplakat einer teuren Uhrenfirma.

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Aber, wie der Reisebegleiter sagte, als wir im Glockengeschoß des Campanile standen, die Souvenirbude und das Touristenrudel im Rücken,  und hinunterschauten: Alle kulturkritischen Anmerkungen werden jetzt einfach hintangestellt.

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Und dann geht es auch. Letzten Endes alles eine Frage der Perspektive.

É gia un po’ di ferragosto in città, sage ich zu dem dicken Rezeptionisten in Vicenza.
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Ma no, winkt er ab, während er auf seinem cellulare herumtippt, Vicenza é sempre cosí.

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Die Kirchen sind ohne Bilder, dafür erklärt die Pinacoteca dem Besucher in Blindenschrift, was die drittklassige Schöne auf dem schwer gefirnissten Stilleben mit den Trauben macht, und ein einsamer Memling steht verkannt in einem Durchgang.
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Die Mücken sind böse, der Abend kommt früh, aber die Steigung ist leicht zu nehmen und die Nacht: lau.

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Hier bin ich ein Jahr älter geworden.
Mir hat’s gefallen.

Mobilität bedeutet für mich heute, dass ich nicht weiß, ob ich in einem Jahr oder sogar einem halben Jahr noch hier leben werde oder in einer anderen Stadt, vielleicht sogar in einem anderen Land, wo ich die Sprache nicht oder nur halb verstehe. Mit Verkehrsmitteln hat das nur bedingt zu tun. Wo auch immer es mich hin verschlagen könnte: Ich werde diese Straße zu Fuß verlassen, dann ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen, dann einen Zug oder vielleicht auch ein Flugzeug.
Vor zehn Jahren war das noch ganz anders. Ich lebte auf dem Land – sehr auf dem Land – und wollte Abitur machen. Zwischen diesen beiden Sachverhalten lagen 20 Kilometer Landstraße, und eine Busverbindung, die genau einmal am Tag ging. Damals bedeutete Mobilität: ein Auto fahren. Also lernte ich ein Auto zu fahren, oder ich versuchte es zumindest. In der Fahrschule war es ein Golf, und neben mir saß ein cholerischer Chauvinist, der mich regelmäßig an den Rand der Tränen und darüber hinaus brachte. Warum ich die Prüfung trotzdem bestanden habe, weiß bis heute der Prüfer allein. Ich fuhr einen Ford Fiesta, der damals schon fast zehn Jahre alt war, und eines war klar: Mit so einem Auto konnte man sich keine Fehler leisten. Das bestimmende Gefühl gegenüber meinem Auto war von Anfang an: Angst. Ich fuhr den Wagen genau so lange, wie es sein musste, und als ich den Studienplatz in der wirklich großen Stadt bekam, wurde er abgeschafft. Die kleine Mobilität auf vier abgenutzten Sommerreifen machte Platz für die große.  Seitdem habe ich kein Gaspedal mehr durchgedrückt, und nie mehr habe ich ernsthaft das Gefühl gehabt, es müsse sein. Ich lebe hier ganz nahe am Mittleren Ring, und manchmal, wenn ich durch die Straßen gehe, überlege ich mir, wie viele der Wägen, die hier die Straßen verstopfen und die Seitenstreifen zuparken, die sich frech auf Fahrradwege stellen und generell recht haben gegenüber Fußgängern oder Radfahrern, wie viele von denen eigentlich nichts weiter sind als der irrationale Ausdruck einer ebenso irrationalen Gewohnheit.

Als meine Mutter, die immer noch auf dem Land lebt und seit fast 40 Jahren Auto fährt, letztes Jahr einen Schlaganfall hatte, da war die Frage, wann sie wieder würde autofahren können, eine der zentralen, so bald erst einmal klar war, dass das Gehirn im Großen und Ganzen intakt geblieben war, und die Sache mit der linken Hand würde sich auch noch geben. Zweitrangig das alles, aber natürlich, das Auto! Nun ist es tatsächlich nicht einfach, auch nur in einer Kleinstadt zu leben, ohne diese unmittelbare Art der Mobilität. Unbestritten. Aber dass die Unfähigkeit, ein Auto zu lenken, gleichbedeutend wenn nicht gar schlimmer als eine bleibende körperliche Behinderung gewertet wird, dann heißt es wohl, dass der Angstreflex, den ich angesichts des Autos intuitiv immer empfunden habe, bei den meisten anderen Menschen eher angesichts der Vorstellung einer autofreien (oder zumindest autofreieren) Welt ausgelöst wird. Und so lange die tatsächliche Mobilität wichtiger bleibt als die geistige, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Ich möchte von München nach Berlin fahren, und dann drei Tage später auch wieder zurück. Etwa vier Wochen vor dem anberaumten Termin beginne ich zu denken, dass ich irgendwie spät dran bin mit der Buchung. Jetzt wäre das eigentlich schon Pointe genug.
Es geht aber noch weiter. Das „Dauer-Spezial“ (einprägsamstes Oxymoron seit „Bittere Süße“), das allenthalben zu 29 oder 39 Euro beworben wird, ist für diese Verbindung jetzt natürlich nur mehr zu 59, 79 oder 89 Euro je Einzelstrecke verfügbar. Wenn man nicht den Standardpreis von 113 Euro bezahlen mag. Kann es wirklich sein, dass eine schnöde Verbindung nach Berlin regulär 226 Euro kostet? Eine halbe Monatsmiete? Zweifacher Krankenversicherungssatz eines Niedrigverdieners? Jemand, der z.B. 8 Euro netto in der Stunde verdient, würde dafür 30 Stunden arbeiten.
Gut, das ist ein Gedankenexperiment. Ich brauche die Fahrkarte. Früher pflegte ich öfter mit dem Nachtzug zu fahren, ab 29 Euro im „Ruhesessel“, und wenn man Glück hatte ebenso günstig oder wenig teurer im Liegewagen, 6er Abteil. Die Schaffner waren notorisch unfreundlich, und eine ruhige Nacht ist was anderes, aber der Preis war ein Argument…heute wurde mir die Fahrt im „Ruhesessel“ zu sage und schreibe 89 Euro angeboten. Angesichts der Tatsache, dass der „Ruhesessel“ immer irgendwo zu kurz ist, war das dann keine Alternative mehr.
Also zurück zu den normalen Verbindungen. Immerhin, ein bisschen Rabatt gibt’s ja noch. Die 59 krieg ich aber nur, wenn ich schon um 5.30 morgens losfahre. Hat man wenigstens was vom Tag, wenn man ankommt.
Was ich jetzt noch gerne wüsste: Warum kostet die Reservierung für die Hinfahrt 2 Euro, für die Rückfahrt aber 3 Euro, wo es doch genau dieselbe Strecke ist, jeweils ohne Umsteigen…?

Wäre ich übrigens z.B. mit Air.Berlin geflogen, es hätte exakt genau so viel gekostet. Ich fliege aber nicht, denn das ist: Ökologisch unanständig für eine so kurze Strecke.

Kennt die Bahn das Wort unanständig?