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Ein Livebericht aus dem besetzten Audimax der LMU, über das man weiterhin kaum etwas in der Zeitung liest. Der Raum ist ungefähr so halb gefüllt, wie ich es mir vorgestellt habe, und unten am Pult agiert der „AK Inhalte“, wie man sich einen „AK Inhalte“ agieren vorstellt. Vorschlag Nr. 1, Hände hoch, Hände runter. Verhandelt wird die Gestalt des zu gestaltenden Flyers.
Ein Pedell hinkt ungerührt durch den Raum.
Und wahrscheinlich muss es genau so sein: Nicht smooth, nicht perfekt choreografiert und nicht einmal spannend. Natürlich sind manche Punkte des Positionspapiers überspannt, und manche sind vielleicht auch unnötig. Im Kern aber erleichtert es mich, dass wenigstens etwas in dieser Richtung endlich passiert, zumal ich gerade jetzt und hier merke, wie schnell die Zeit vergeht und uns und die Welt und was wir denken und wahrnehmen ändert.
Im Wintersemester 2000/2001 saß ich hier im selben Audimax und hörte eine Vorlesung über den Deutschen Expressionismus. Es war das Ergebnis eines langen mühsamen Kampfes, um die Hochschulreife, die nicht selbstverständlich war für die Tochter ungebildeter Leute vom Land, geboren 1980, Kampf um dieses eigentlich unbezahlbare und obendrein nutzlose Studium, um meine Entscheidungsfreiheit. Es folgten einige Jahre der Entdeckungen, auf engem Raum aber spektakulär, bevor ich merkte, dass der Kampf nur eine neue Form angenommen hatte.
Heute bin ich Doktorandin und unbezahlte Lehrbeauftragte an derselben Hochschule, wieder einmal kurz vor dem Auslaufen meiner Alimentierung durch eine Stipendienstiftung. Und es wird von vorne losgehen.
Deswegen bin ich heute hier – um zu sehen, dass die ganzen Leute hier, die ich beinahe ganz jovial als „junge Leute“ zu bezeichnen versucht bin, irgendwie jetzt schon anders denken und agieren als ich.
Es ist ein Generationenwechsel im Gange, und ein Wechsel der Menschenbilder.
Wenn es nur ein paar sind, die hier kurz mal innehalten und langsame Abstimmungen veranstalten – es ist besser als nichts, und wenn es gut läuft, wird wenigstens mehr als nichts davon übrig bleiben.
vediamo.
Ach so, na dann, alles halb so schlimm.
Was bin ich froh, dass wir alle so cool und smooth sind.
Frau B. wundert sich über den angeblichen Trend zum Sprizz und ärgert sich zurecht über den Qualitätsverfall selbigen Getränks. Einen ähnlichen Gedankengang hatte ich, als ich jüngst hier auf dem Straßenfest im Vorbeigehen sah, dass die Weinhandlung gegenüber eine lauwarme grellorange Brühe im Plastikbecher anpries.
Sprizz trinkt man nur in Venedig, dort gerne schon ab elf Uhr morgens. So zumindest habe ich das kennen gelernt, als ich vor sechs Jahren ein Wintersemester in Venedig verbrachte, das mit einem geradezu heißen September begann und in einen bitterkalten Januar mündete.
Eine Professorin mit dem klangvollen venezianischen Namen Zorzi und Wohnsitz in einem Palazzo mit geschweiften Fenstern hinter Santa Maria Formosa führte uns in der Morgensitzung zu den Tizians in San Zanipolo, und danach geradewegs am Colleoni vorbei in die nächste Bar.
Ein guter Sprizz, dozierte sie, wärmt und kühlt, immer zur richtigen Zeit.
Nächstes Wochenende bin ich wieder dort.
Eben fällt mir auf, dass hier in letzter Zeit häufig mit allzu steiler Stirnfalte geschrieben wurde. Naja, die Zeiten sind danach, wie’s scheint.
Aber vielleicht backe ich auch mal einen Mohnzopf, bald.
…sagte die neunjährige Cousine, während ich mit ihr auf das Christkind wartete, an das sie auch nur noch glaubt, weil sie denkt, wir finden das süß: Komisch, unterm Jahr kommt nie Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga.
Stimmt. Und auch die schönen sozialistischen DEFA-Märchen kommen nur zu Weihnachten: Zack, schließen sich die Kisten mit den Reichtümern, der böse, diamantenhortende Berggeist wird versteinert, und aus dem Bären wird wieder ein schöner Prinz.
Und einmal weitergezappt singt Pippi Langstrumpf hoch und falsch: Faul sein ist wunderschön…Spätestens dann ist klar: Das alles wird nicht für die Kinder gezeigt, die hibbelig auf die Bescherung warten. Denn diese Kinder sind konsumgeile Tyrannen:
Alle in der Klasse haben eine Nintendo Wii, oder sie kriegen noch eine zu Weihnachten. Außer die xy, aber die ist eh so komisch öko. So sprach die Cousine vor wenigen Wochen, und damit war klar, was das einzelne große Paket unter dem Weihnachtsbaum bedeuten würde. Uninteressant alle anderen Kleinigkeiten. Naja, das Twinset von Benetton, das war schon noch ganz nett. Aber die Buntstifte und das Buch über die Entdeckung der Pyramiden sind liegen geblieben.
Die Weihnachtsfeiertage verbrachte das Kind entweder seltsam tänzelnd vor dem Fernseher, Wii-fit, oder Sprachübungen absolvierend, für die auch Stift und Heft genügt hätten. Immer mit der Fernbedienung fest in der kleinen Faust.
Für solche Kinder singt Pippi nicht. Pippi singt für uns, aber nur einen einzigen Tag im Jahr. Mehr davon, und aus Nostalgie würde am Ende noch Anarchie. Vielleicht sind wir die letzten, die noch eine Idee davon haben. Was wird es sein, was in zwanzig Jahren Nostalgie auslöst? …weißt Du noch, damals… als alle von den Konsumgutscheinen geredet haben, kurz vor Weihnachten…?
…stellt man sich eigentlich anders vor, sagte heute ein gut gekleideter Herr, während er in die Münchner Manu.factum-Fililale im Alten Hof hineinging, wo es an diesem unerwartet sonnigen Herbstsonntag zuging, als wäre schon Weihnachten. Ein paar Meter weiter reichte die Schlange bei Schuh.beck’s Eisladen bis aufs Platzl hinaus, auch die Gewürzstube und die Pralinenstube waren gut besucht. Hamsterkäufe werden das nicht sein, oder?
Weiter vorne, wo die Fußgängerzone nicht ganz so exklusiv ist, wird genauso fröhlich konsumiert, und vor der Jesuitenkirche, wo Petrus Canisius einst auf offener Straße den Teufel austrieb, da steht heute amnesty international. „Lassen Sie sich das in den Ohren zergehen“, sagt die Aktivistin ins übersteuerte Mikrofon, während sich ein schütter behaarter Herr seine Gitarre umhängt. Die Leute, die vorbeilaufen, sprechen in ihre Handys, haben Einkaufstüten von K.onen, Sala.mander und H.M dabei und schauen nicht hin. Der Name des Künstlers geht im Rauschen unter, aber dass er schon mit „US-Größen wie Barry Manilow“ gearbeitet hat, ist eine Referenz. Als dann ein „wahrer Ohrenschmaus“ angekündigt wird, wird es endgültig zu unappetitlich, und fast hätte man lieber am Platzl eine kleine überteuerte Süßigkeit eingekauft.
Es muss noch andere Positionen geben, die möglich sind, denkt man sich da, sie sind nur noch nicht ausformuliert.
Aber immerhin eine Erkenntnis hat der Tag doch gebracht: Dass es manchmal doch auch nicht ganz die Falschen trifft. Vielleicht also alles gar nicht so schlimm.
Wenn der Zahnarzt während der Behandlung (Stichwort: Goldfüllung!) anfängt, über die Bankenkrise zu philosophieren, dann ist das vielleicht ein weiteres Indiz dafür, dass man sich Sorgen machen sollte?
ET
Wie finde ich das eigentlich, wenn bairisch sprechend aufgewachsene Menschen ihren Kindern als zweite Muttersprache neben (dialektfreiem) Hochdeutsch lieber Englisch beibringen wollen?
Wie in vielerlei Fragen:
Verstehen: ja.
Gut finden: nein.
Und selber: ?
Ist das die Haltungsperspektive für den Lebensrest?
ET
Gestern plötzlich etwas Militantes. Genau da, wo man in das Schließfach einen Euro („Rückgabe nach Benutzung“) einwirft, bevor man in den Lesesaal der Bibliothek hinaufsteigt, genau da stand gestern ein Soldat, tarnfarben und mit dem Fernglas in der Hand. Er ist nur etwa einen Zentimeter groß und aus Hartplastik, und deshalb war er leicht zu überwältigen. Natürlich weiß er noch nichts von den modernen urbanen Zivilisten, die bei IVAR leben, seine Gefangenschaft wird also eine leichte sein.
Wer aber hat ihn stationiert, auf welcher Seite steht er, was war sein Auftrag? Stadtguerilla, Spielplatz, Spitzel? Vorzeichen und Manöver, Überrest und Reminiszenz? Er schweigt sich aus, und wir warten.
ET
